Klettergruppe60plus

Grignone - info null

Richard Goedeke

Der Grignone, genau „Grigne settentrionale“, 2.409 m hoch, ragt in den Südlichen Kalkalpen auf und war der letzte der 30 prominentesten Alpengipfel, auf dem ich noch nicht gestanden hatte. Drum wollte ich da nun rauf.

Anlässlich einer Jahrestagung des CAAI in Como war ich schon einmal in seine Nähe gekommen. Ich hatte dabei den alten Dottore Dei Toni wiedergetroffen, mit dem mich die Erinnerung an meine erste Biwaknacht verband. Die hatte Anno 1958 in der Nordwand des Zwölfers stattgefunden. Und er hatte uns Youngsters mit dem Beibringen von damals noch exotischen italienischen Bergsteigerliedern darüber hinwegzuhelfen versucht, dass über uns ein Toter hing und wir vor der handfesten Mitwirkung an der Aufgabe des nächsten Tages standen, ihn zu bergen. Das Wetter war instabil und der Grignone noch nicht mein Ziel.

Morgenstimmung unterwegs vom Nordwestgrat
Foto: Richard Goedeke

Jetzt war 2017 eine Tagung des CAAI in Vigo di Fassa der Anlass, zu dem ich in die Alpen gefahren war. Nun wollte ich die Besteigung nachholen. Wenn es denn ginge. Das Wetter sollte an diesem JuniFreitag kurzfristig gut sein. So müsste ich nur noch hinfahren. Das Navi schlug vom aktuellen Aufenthaltsort im Pustertal vor, über Verona und Bergamo nach Como zu düsen. Elend weit und mautteuer und landschaftlich nicht wirklich reizvoll. Über Meran und den Ofenpass ins Engadin und von dort hinab versprach mehr Begegnung mit vertrauten Bergen. Also diese Anfahrt. Sie führte erstmal an noch wolkenverhangenen Bergen vorbei. Aber am Malojapass konnte ich besichtigen, wie die Szenerie des vor Jahren mal als Finisher bewältigten Skimarathons auf Frühsommergrün aussah. Und nach dem Hinabkurven waren dann wenigstens die eindrucksvollen Granitplatten des Gallogrates zu sehen, über die ich mit Freund Hans Rützel vor über 40 Jahren trotz einigen orthopädischen Handicaps wohlgemut hinaufgeturnt war. Weiter unten im Tal hielt ich Ausschau, welcher der fern auftauchenden Gipfel wohl der Grignone sein konnte. Meine Vorinfomation über den Berg war nur bescheiden und beschränkte sich auf die Aussage, von Varenna aus gäbe es eine kleine Straße bis hinauf zu einem Pass nördlich des Berges und von dort gäbe es mehrere häufig begangene Aufstiege. Das Navi brachte mich brav nach Varenna, aber der Weiterweg zum Pass blieb erst einmal unklar. Dafür half die Befragung von Passanten ein zum steilen Sträßchen gen Berg.

Textreiche, aber nicht unbedingt lichtvoll informierende Schilder sagten etwas von Sperrungen wegen Straßenbauarbeiten. Vor Ort blieb es bei einer schlichten Ampel, die sogar irgendwann mal auf Grün sprang. Und im Bergdorf oberhalb hing an der Piazza eine Karte mit genaueren Details über mein Ziel. Und ein Schild dass das Sträßchen hinauf wegen weiteren Arbeiten gesperrt sei. Die erwiesen sich beim näheren Hinsehen dann in der späten Nachmittagsstunde bereits als beendet und ich erreichte schließlich den Parkplatz am Ende des Sträßchens, auf 1.410 Metern Seehöhe. Das Parken sollte auch erst ab eine Woche später etwas kosten. Aktuell war hier noch Ruhe, und ich war der einzige Bewerber für den aus der Nähe durchaus ansehnlichen Berg. An dem im oberen Teil auch allerlei spätwinterliche Firnfelder zu sichten waren. So tat ich neben den Grödeln doch besser auch mein Eisbeil in den Rucksack. Der Rest des Abends ließ mit Durchblicken zum klaren Himmel die Aussicht auf einen klaren Tagesbeginn wachsen.

In der verschneiten Nordflanke
Foto: Richard Goedeke

Ich schlief gut im Auto und wachte auch pünktlich im Morgengrauen auf, mit Blick auf einen richtig romantisch im Blau hängenden Mond und auf morgendliche Talnebel. Kurz bevor ich fertig war, kurvte ein anderes Auto herauf und parkte umsichtig unter später potentiell schattenspendenden Bäumen. Es war ein offenbar eingeborener Mensch etwa meines Alters, der mich auf meine Frage nach den aktuellen Schneeverhältnissen hin ermunterte, wegen der nur kleinen Schneereste mein Eisbeil ruhig hier zu lassen und mich auch mit den Grödeln zu begnügen. Er war schneller weg als ich und ich stieg dann allein los gen Berg.

Es war eine herrliche Stimmung. Ein ruhiger Berg über dem Meer von Talnebeln, mit Blick auf ferne unbekannte Gipfel und nähere, ganz schön schroffe Felsbastionen mit Graten und Türmen und Wänden. Zuerst ging es noch auf einem bequemen Steig durch Buchenwald, bald allerdings durch lausig steile Hänge, wo man doch besser nicht stolpern sollte. Später stellte eine Gabelung des Steiges die Frage, ob ich den leichteren Aufstieg über die Hütte und durch den Karboden nehmen sollte oder den direkteren, der über den Nordwestrücken führen würde. Cresta di Piancaformia hieß er klangvoll. Bei dem guten Wetter wählte ich natürlich den letzteren.

Blick von Grignone zum Monte Rosa
Foto: Richard Goedeke

Er führte steil hinauf in einen Sattel mit Durchblicken zu einem vorgelagerten idyllischen, aber sicher nicht harmlosen Schrofengipfel, dann unverhofft zu einer Kapelle, die an Partisanen erinnerte, die hier in diesem unwegsamen Gelände den deutschen Besatzern mit ihrem Vorsprung an Ortskenntnis sicher erfolgreich Widerstand leisten konnten. Über einen schmalen Steig ging es steil direkt über den Bergrücken höher, dann mit hübschem Tiefblick zu einem Felsentor rechts des felsig aufsteilenden Grates in der westlichen Flanke höher. Trittsicherheit verlangte das. Und ich blickte nur genau auf den Weg. Erst bei einem flacherem Absatz bemerkte ich, dass der nun über dem Wald und einem vorgelagerten Wiesenberg ein gewaltiges Panorama eröffnet hatte. Mit vielen vertrauten Gipfeln. Da war der Monte Rosa mit seinen Trabanten, und dort das Aletschhorn und das Finsteraarhorn, und da rechts der Monte Disgrazia. Und im Westen in der Ferne der Mont Blanc mit der markanten Brenvaflanke, und noch weiter hinten im Dunst verschwimmend, das musste der Gran Paradiso sein. Dass dieser der Hauptkette vorgelagerte Grignone diesen gewaltigen Überblick bieten würde, das hätte ich mir ja denken können. Aber ich hatte darüber nicht nachgedacht und so traf es mich als Überraschung. Die Aufklarung war also nicht nur ein Schnäppchen für einen stressarmen Aufstieg sondern auch für dieses Panorama...

Foto: Richard Goedeke

Der Steig wurde interessanter als erwartet. Er führte zwar zuerst meist in der Flanke weiter. Weiterhin mit Notwendigkeit zu genauem Hinschauen auf die Haltepunkte, wovon allerdings die daneben sprießenden frühsommerlich frischen Blumen versuchten abzulenken. Später gab es leichte Kletterei, noch passend zu den gewählten Wanderschuhen, nach einem Gratbuckel luftig hinab zu einer Scharte vor schroffen Grattürmen. Offensichtlich ging es hier links unterhalb von ihnen weiter, zu einer Firnrinne. Die umkletterte ich vorsichtshalber oberhalb, erreichte geneigtes Gelände. Von hier könnte man eigentlich sicher schon nach links den Aufstieg vom Rifugio Bogani erreichen. Aber ich folgte lieber dem schneefreien Grat, wozu auch einige gelbe Farbkleckse ermunterten. Richtig schöne Kletterei war das, und immer wieder mit Einladung zum Schauen zur weißen Reihe der 4000er dort drüben.

Gipfelkreuz Grignone
Foto: Richard Goedeke

An einer Scharte führte die gelbe Markierung nach Westen steil hinab zu einer Hütte. Und oberhalb steilte der obere Gratteil plattig auf. Das sah eher nach IV aus als nach III und II. Dafür fühlte ich mich ohne richtige Kletterpatschen unterangezogen und bog deshalb nach links ins Kar zur offensichtlichen Trasse. Ich legte die Grödel an. Und eigentlich hätte ich mir jetzt auch lieber das Eisbeil hergenommen. Aber das lag nun entsprechend des Rates des morgendlichen Ratgebers unten im Auto. Der Ratgeber war jetzt hundert Meter unterhalb zu erkennen und schien mit seiner sparsameren Ausrüstung gleichfalls Mühe zu haben. Die Skistöcke mussten reichen. Und weil der Firn zwar teilweise um 40 Grad steil, aber wenigstens fest war, ging das auch. Wenn auch nicht ohne etwas Stirnrunzeln über die Tatsache, dass bei einem eventuellen Rutscher die Stöcke zum Stoppen kaum tauglich waren. Ich gab mir deshalb alle Mühe, genau zu steigen und vereiste Passagen sorgfältig zu umgehen. Schließlich rückte der obere Teil einer felsigen Rampe näher. Und dann konnte ich dort anlanden und bekam ein Drahtseil in die Finger. Es leitete rasch ganz hinauf. Der Gipfel des Grignone war erreicht, mit gläserner Kapelle und mit Hütte und mit einem von Gebetsfähnchen üppig dekorierten Gipfelkreuz. Und genau jetzt begann sich darüber eine Wolke zu installieren und Häppchen für Häppchen das Panorama zu verschlucken.

Zusammen mit dem kurz nach mir angekommenen Nordaufsteiger hockte ich mich an einen Tisch und er vertraute mir an, dass er mit sechs Stents stiege und sich freute, dass das so gut gegangen sei. Und dass er mir gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, mir den Rat zum Weglassen des Eisbeils gegeben zu haben. Ich verzieh ihm. Und nach dem Löffeln unserer Suppe gingen wir rasch zusammen an den Abstieg, solange der Schnee noch hart war. Das klappte auch. Die uns dabei weit unten begegnenden Grüppchen waren gleichfalls nur mit Skistöcken deutlich weniger gut gerüstet und mich wunderte nicht mehr, dass in der gläsernen Kapelle unterm Gipfel eine umfangreiche Sammlung von Portraits und Namen mit Geburts- und Sterbedaten zu sehen gewesen war. So richtig harmlos war das alles nicht, jedenfalls nicht zu dieser Jahreszeit. Das muss allerdings jeder Besteiger selbst abwägen. Für den Rest des Tages war ich mit der Fahrt nach Vigo di Fassa beschäftigt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 26. März 2021