Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2019
Allgemein

Wettkampfsport

im DAV - in Norddeutschland - in der Sektion Braunschweig

Klaus Prenner, Micha Sieder

Vom Felsklettern zum Wettkampfklettern

Wettkampf 1986
Foto: Stefan Bode

Dass Klettern einmal Sportart bei Olympia wird, hätte sich vor 30 Jahren niemand vorstellen können. Sportklettern und Bouldern sind im Vergleich zu den traditionellen Sportarten sehr junge Sportdisziplinen. Die Ursprünge des heutigen Wettkampfsports Klettern liegen im freien Klettern Anfang der 80‘er Jahre. Damals fanden sich junge Kletterer in autonomen, experimentierfreudigen Zirkeln – heute würde man sagen Netzwerken - zusammen. Man traf sich zu Trainingscamps, machte Videoanalysen, feilte an der Klettertechnik und an neuen Formaten der Felsbegehung (Rotpunkt), tauschte Trainingspläne aus oder veranstaltete Wettkämpfe. Zu den Protagonisten der modernen Sportkletterbewegung gehörten Kurt Albert, Wolfgang Güllich, Karl Schrag und andere beeindruckende Persönlichkeiten der Kletterszene. Kletterwettkämpfe fanden in dieser Gründungsphase noch am Naturfels statt - im Allgäu, im Altmühltal, der Pfalz und anderen Mittelgebirgen. Diese Entwicklung fand außerhalb des Deutschen Alpenvereins statt… ja diese Bewegung stieß über Jahre hinweg auf Ablehnung im traditionsreichen DAV.

Die Diskussion im DAV: gehört Sportklettern dazu? Sind wir ein Sportverband?

Eine Öffnung des DAV zum modernen Sportklettern und dem Wettkampfklettern fand ab 1985 statt. Erst die Zunahme von Kletterwettkämpfen außerhalb der Reichweite und ohne Einfluss des DAV führte dazu, sich mit der „neuen“ Kletterbewegung und dem Wettkampfsport zu befassen. Der DAV musste handeln: erstens drohten leistungsorientierte junge Sportkletterer sich vom DAV abzuwenden (großteils gehörten sie dem DAV gar nicht an) und zweitens waren im Deutschen Turnerbund (DTB) Bestrebungen in Gang, das Klettern an künstlichen Kletteranlagen in den Reigen der turnerischen Sportarten mit aufzunehmen.

Norddeutsche Klettermeisterschaft 1990
Foto: Stefan Bode

Mitte der 80’er Jahre entstehen auch erste künstliche Outdoor-Kletterwände, teils an Bunkern, häufig an Waschbetonmauern. Bei einem Klettercup in Braunschweig (Harz und Heide Verbrauchermesse) erprobten sich wettkampf- erpichte junge Kletterer an glatten Spanwänden mit aufgeschraubten Holzleisten! Erste Kletterhallen werden dann in den 90‘er Jahren konzipiert (München Thalkirchen) und vermehrt bauen auch Sektionen moderne Outdoor- Kletterwände. Das spätere „Plastikklettern“ etabliert sich.

Ab Ende der 80’er Jahre finden in Deutschland nationale und internationale Wettkämpfe in Regie des DAV statt - der erste DAV-Wettkampf übrigens 1989 im Salvatorkeller (damals eine der großen Bierbrauereien) in München. Bekannte Kletter-Ikonen stehen in diesen Jahren auf dem Siegerpodest: Lynn Hill, Stefan Glowacz, Marietta Uhden, Andrea Eisenhut, Guido Köstermeyer (später Vizepräsident des DAV) u.a. Und es gab schon mal aufgrund großzügigen Firmensponsorings opulente Siegerpreise, z.B. einen Mitsubishi-Kleinwagen!

Zwei Fragen an Micha Sieder

Micha, Du bist in Ostdeutschland groß geworden. Welche Rolle hat da das Wettkampfklettern gespielt?

Wer sich für die Geschichte des Kletter- und Wettkampfsports jenseits der damaligen Grenze interessiert, dem sei das im GeoquestVerlag erschienene Buch „Leben in den kleinen Felsen – Klettern in der DDR“ wärmstens ans Herz gelegt. Insbesondere die Beschreibung der Ostberliner Szene weckte in mir viele Erinnerungen, denn ich steckte in den 80‘ern mittendrin.

Also hast Du in Deinen jungen Jahren auch an Wettkämpfen teilgenommen?

Logisch. Mein erster Wettkampf in Ostberlin war noch weit vor der Wende; an einer Sandsteinmauer in Berlin-Friedrichshain. Immerhin 2. Platz. Preis: Ein von Stocki (ein damals recht bekannter leicht alternativer Ostberliner Kletterer) selbst genähter Hüftklettergurt aus Trabi-Gurtband. Damals ein wahrer Schatz und mein langjähriger "Wegund Flugbegleiter".

Norddeutsche Klettermeisterschaft 1990
Foto: Stefan Bode

Der moderne Klettersport wird zunehmend ein integraler Bestandteil des DAV - wenngleich es nach wie vor gegensätzliche Strömungen gibt, die sich am „Plastikklettern“ allgemein oder am Wettkampfgedanken des Kletterns reiben. Mit dem Beginn des Kletterns verjüngt sich der DAV erheblich, der Einstieg zum Klettern erfolgt in immer früherem Alter, erstaunliche Kletterleistungen werden bereits in jungem Alter erbracht.

Olympia - muss das sein?

Die Verbandsmitgliedschaft des DAV im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) seit 1992 fundierte die Entwicklung als Sportverband, garantierte die verbandliche Fachkompetenz für den Klettersport und eröffnete dem Klettern Chancen als potentielle Olympische Sportart. Auf dem Weg zu Olympia wurde in Expertengremien, in zahlreichen Konzepten, in Überzeugungsarbeit und bei Hauptversammlungen eine DAV-affine Position eines humanen, fairen Leistungs- und Spitzensport erarbeitet. Die negativen Erscheinungen im Spitzensport wurden nicht negiert. Im Bergsportkonzept, im Leistungssport- und im Nachwuchskonzept sowie im Olympiakonzept „Podium 2020“ hat der DAV seine Haltung und Handlungsmaximen festgelegt.

Mit dem Schritt zu Olympia hat der DAV konsequent seinen Weg als Sportverband fortgesetzt. Auch wenn damit die Fülle an Aufgaben und das Spagat zwischen Naturschutzverband – Bergsportverband – Breitensport – Olympischer Wettkampf nicht leichter geworden sind.

Wie attraktiv Olympia für Athleten ist, zeigt sich am überragenden Kletterer Alexander Megos, der sich einige Jahre vom DAV abgewandt hatte und sich nun auf die Olympiade in Tokio vorbereitet.

Entwicklung des Kletterns in Norddeutschland

Die Entwicklung des Sportkletterns vollzog sich in ganz Deutschland. In Norddeutschland war eine hochmotivierte und lebendige Klettercommunity an dieser Entwicklung beteiligt. Erste Wettkämpfe und Meisterschaften im Norden fanden ab Mitte der 80‘er Jahre statt. Da es keine Kletterhallen gab, häufig in sportfremder Umgebung: in einer Eissporthalle oder Einkaufspassage (Hildesheim), auf der „Harz und Heide Messe“ oder an der Außenwand eines Bunkers in Wilhelmshaven. Die Initiative im Wettkampfsport ging von einer ehrgeizigen, talentierten jungen Kletterszene aus, die gleichzeitig auch noch Sponsoren beibrachte (SFU, Edelrid). Norddeutsche Klettersportler brachten es in den 90iger Jahren zu nationalen Erfolgen und Meisterschaften, z.B. wurde Ralf Kowalski (Hameln/Hildesheim) Deutscher Meister 1991.

Die weitere Entwicklung geschieht hauptsächlich auf drei Ebenen:

  • Der Zunahme von geeigneten Sportstätten: von Lübeck bis Göttingen, von Osnabrück bis Braunschweig entstehen neue Kletter- und Boulderhallen, z.B. 2013 Boulderhalle Greifhaus in Braunschweig. Bouldern hat sich als eigene Sportart fest etabliert.
  • Regelmäßig finden Norddeutsche Meisterschaften in Lead und Bouldern statt. Spezielle Wettkämpfe für den Nachwuchs und neue Wettkampfformate kommen hinzu. Das Schrauben von Trainings- und Wettkampfrouten wird zu einem komplexen, anforderungsreichen Element im Leistungssport.
  • Reformen und Professionalisierung in der Leistungssportentwicklung auf Verbandsebene, in der Trainerausbildung, bei Talentsichtung und Förderung der Kaderathleten sowie in der Arbeit in den Sektionen.

Vgl.: Leistungssportkonzept DAV-Nord

Ab 2012 erzielen junge Nachwuchsathleten aus norddeutschen Sektionen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen hervorragende Platzierungen (u.a. Lena Herrmann, David und Ruben Firnenburg, Felix Leuoth, Helene Schulz, Max Prinz, Hannah Pongratz-ehemals Sektion Braunschweig). 2018 knüpfen junge Nachwuchsathleten aus den Sektionen Alpinclub Hannover, Braunschweig, Hamburg, Osnabrück und Bremen mit Erfolgen auf nationaler und internationaler Ebene daran an.

Nachwuchsförderung und Wettkampfsport in der Sektion Braunschweig

Kidscup 2009, Braunschweig
Foto: Günter Gersdorf

In der Sektion Braunschweig gab es bereits seit 1985 – also lange vor der Kletteranlage Güldenstraße - eine junge, engagierte Kletterszene, die unter einfachsten Bedingungen regionale Wettkämpfe veranstaltete und an Wettkämpfen teilnahm. 1990 berichtete die Braunschweiger Zeitung über den SFU-Cup von der Harz und HeideMesse unter der Schlagzeile „ Klettern- Muskeln wie Stahlseile“. Mit Fertigstellung der DAV-Klet- terwand 1998 begann eine intensive und kontinuierliche Kinder- und Jugendarbeit. Durch Alters- und Leistungsdifferenzierung in den Gruppen wurden nach und nach erste leistungssportliche Akzente gesetzt. Immer wieder war die DAV-Kletteranlage Austragungsort für Norddeutsche Meisterschaften oder den Nachwuchswettkampf KIDS-Cup. Einen gezielten Aufschwung nahm die Nachwuchsförderung durch die verdienstvolle Arbeit von Martin Bernhard, der ab 2007 die „Leistungsgruppe“ betreute. Er verfügte auch als Einziger über die Qualifikation „Trainer-C Leistungssport“. Seiner Trainingsarbeit (sowohl an der DAV-Kletteranlage wie an Felsen) sind die Erfolge von Kaja Worm und Tillmann Ziola zuzuschreiben, die zwischen 2009 und 2012 dem Norddeutschen Landeskader angehörten und hervorragende Platzierungen bei Norddeutschen Klettercups und Meisterschaften erzielten.

Vor einigen Jahren übernahmen dann Bastian Engel und Milan Rother – beide Wettkampfkletterer und ehemals Kaderathleten, inzwischen ausgebildete „Trainer C Leistungssport“ - die Betreuung dieser Leistungsgruppe.

In Fortsetzung der bisherigen Entwicklung im Leistungssportgeschehen unterstützte der Vorstand der Sektion Braunschweig in 2017 die von der „Basis“ gewünschte als auch seitens des Referats Leistungssport im Landesverband DAV-Nord unterstützte Weiterentwicklung der Strukturen. Die Position des Referenten Leistungssport (aktuell Micha Sieder) ward geboren. Dieser ist Beiratsmitglied und fungiert als Bindeglied zw. Basis- und Vorstandsarbeit, koordiniert, organisiert und gibt neue vielschichtige Impulse. In diesem Rahmen wurde dann auch das Stützpunktkonzept des JDAV entsprechend dem Leistungssportplan des DAV-Nord entwickelt und verabschiedet.

In Zusammenarbeit „JDAV + Referent Leistungssport + Trainer“ konnten wir daraufhin eine Reihe leistungssportlicher Maßnahmen umsetzen, z.B.: Athletenvereinbarung, Steigerung von Qualität, Umfang und Systematik des Trainings, Anleitung zu Ausgleichstraining und entwicklungsbezogenem Krafttraining, Sponsoring durch das Greifhaus.

Dass diese Arbeit Früchte trägt, zeigen die beachtlichen Erfolge neuer junger Athleten wie Mia Apel oder Thorben Perry Bloem. Und andere werden folgen, da sind wir uns sicher.

Klaus Prenner, Referat Leistungssport im Landesverband DAV-Nord
Micha Sieder, Referent Leistungssport der DAV Sektion Braunschweig

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 18. Februar 2019