Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2019
Klettergruppe60plus

Alter schützt vor Träumen nicht

Die Klettergruppe 60+ bei ihren längsten Klettereien

Günter Gersdorf

Wie der Name der Gruppe, “Klettergruppe 60+” andeutet,  besteht die Gruppe vorwiegend aus Personen mit etwas größerer Lebenserfahrung. Der Kletterbackground ist allerdings sehr unterschiedlich. Etliche haben das Klettern erst in höherem Alter für sich entdeckt – sicher auch begünstigt durch die Gründung der Gruppe 2014. Andere, wie der Schreiber dieser Zeilen, klettern seit Jahrzehnten. Und dann gibt es da noch ein paar, die als Jugendliche mal viel geklettert sind, dann aber aus verschiedensten Gründen damit aufgehört haben, und nun, als Rentner, wieder damit angefangen haben. Zur letzteren Gruppe gehört Otto. In früheren Jahren machte er solche Sachen wie Langkofel Nordkante oder Triglav Nordwand, Routen, die rund 1000m lang sind…

Bisher hatte sich die Gruppe an den lokalen Kletterhallen und (Mittelgebirgs-)Felsen vergnügt, auch Fahrten in die Frankenjura und nach Arco gehörten dazu. Mehrseillängenrouten in den Alpen stand aber bisher nicht auf dem Programm – bis Otto den Wunsch genau danach äußerte. Sofort organisierte unser rühriger Leiter Michael eine solche Fahrt.

Ottos Schlafplatz
Foto: Otto Köllner

Und so fahren im Herbst 2018 vier tapfere 60+er in die Dolomiten: Michael, Otto, Brigitte und ich (Günter). Wir fahren schön gemütlich tagsüber, nur Otto hat noch einen wichtigen Tangotanztermin (als Instruktor) und kann erst abends fahren. Er übernachtet wie früher so üblich, im Freien auf oder neben eine Bank am Grödner Joch und stößt rechtzeitig zum Frühstück zu uns Anderen.

Michael hatte sich viel Mühe gegeben und Felsen, Routen und vor allem auch Quartiere rausgesucht. Trotzdem mußten wir letztere mehrfach wechseln, aber das ging alles problemlos über die Bühne. Und das Wetter spielte mit, sodass wir auch wirklich jeden Tag nutzen konnten!

Unsere ersten Ziele sind, zum Eingewöhnen, die Cinque Torri am Falzaregopass. Wir haben auf der Cinque Torri Hütte übernachtet, starten den Tag aber mit Gepäcktransport zur Rif. Scoiattoli auf der anderen Seite der Cinque Torri. Damit entfällt diese Aktion am Nachmittag, sodass wir nach dem Klettern direkt zum Bier überleiten können.

Michael sichert Otto in der Via Lusy Pompanin, Torre Lusy, Cinque Torri
Foto: Günter Gersdorf

Ziel für heute ist der beliebte Torre Lusy mit der noch beliebteren Via Lusy Pompanin (6SL, 4-). Dort stellen sich Otto und Michael an, Brigitte und ich liebäugeln mit der etwas schwereren Via Ignazio Dibona am benachbarten Torre del Barancio. Aber hier sieht der Fels sehr kompakt aus, Haken sind keine zu erkennen. Und eine Seilschaft vor uns tut sich ziemlich schwer und seilt schließlich ab. Da disponieren wir dann doch um und steigen kurz entschlossen in den Normalweg am gegenüber- (und in der Sonne) liegenden Torre Quarta Bassa (3SL, 3+) ein. Schöne Kletterei an griffigem Fels und eine lange Abseilfahrt folgen.

Torre Grande, Cinque Torri
Foto: Günter Gersdorf

Inzwischen hat sich der Stau am Torre Lusy aufgelöst und Brigitte und ich steigen auch noch dort ein. Die Route pendelt zwischen der Nord- und der Westkante hin und her, läßt man also einen Stand aus kann das zu erheblicher Seilreibung führen, wie ich mal wieder feststellen musste. Wir sind die Route im Sommer 2010 schon mal geklettert, da war sie irgendwie leichter ;-) Trotzdem holen wir Otto und Michael noch ein und können uns gemeinsam an die Abseilfahrt machen. Es geht etwas hektisch zu und ich vergesse dummerweise meinen Stand am Gipfel abzubauen, damit sind mal wieder zwei Schlingen und Karabiner futsch, naja Shit happens. Teilweise überhängendes Abseilgelände bringt uns zurück auf den Boden und zum wohlverdienten Bier.

Brigitte in der ersten Seillänge der Via delle Guide, Torre Grande
Foto: Günter Gersdorf

Von der Scoiattoli Hütte nicht zu übersehen ist der Torre Grande mit seinem Westgipfel. Und genau dort führt einer der leichtesten Wege auf den Torre Grande hoch, die Via delle Guide (4SL, 4-). Das ist das Ziel für uns alle heute. Dummerweise soll ich als erster einsteigen, und ich tue mich in der ersten Seillänge immer etwas schwer. Also lege ich ein paar Keile und atme erst auf, als ich unter den Überhängen einen ersten soliden Bohrhaken klinken kann. Ein Quergang nach rechts bringt mich zu der in jeder Beschreibung erwähnten Schwachstelle in den Überhängen. Entgegen den Beschreibungen mache ich aber davor Stand und hole Brigitte erstmal nach. Dann ist ordentliches Zupacken gefordert um die Stelle zu überwinden aber danach legt sich das Gelände zurück und wird (meistens) leichter. Aber ein weiterer kleiner Überhang ist zu überwinden, bevor wir auf dem Gipfelplateau aussteigen können. Wenig später kommen auch Michael und Otto hoch und gemeinsam seilen und klettern wir ab.

Michael und Günter auf dem Westgipfel des Torre Grande, Cinque Torri
Foto: Brigitte Moritz

Die vier Seillängen haben uns natürlich nicht komplette gefordert und Michael und ich gehen noch zum Torre Latina mit einer größeren Zahl von sehr gut eingebohrten Sportkletterrouten, wo wir uns so richtig die Arme langziehen können. Danach gibts dann erstmal ein Bier, aber Ruhe haben wir noch keine! Sachen packen und zurück zum Rif. Cinque Torri, wo unsere Autos stehen, dann gehts in eine Ferienwohnung in Lacedèl, einem Dorf oberhalb von Cortina d’Ampezzo. Hier dürfen wir zwei Nächte bleiben, das heißt zweimal Pizza in Cortina :-)

Michael und Otto im Einstieg zur Westwand, Großer Falzaregoturm
Foto: Günter Gersdorf

Langsam wird es ernst! Vorbei ist's mit den kurzen Zustiegen und den kurzen Routen! Wir fahren bis kurz vor den Falzaregopass und steigen mühsam und steil 300hm auf bis unter den Großen Falzaregoturm. Nach etwas Suchen finden wir schließlich auch den Einstieg zur Westwand. Heute sind Michael und Otto als erste an der Reihe und steigen ein. Und während Brigitte und ich warten müssen zieht eine Wolkenwand heran, und ja, der Wetterbericht hatte suboptimales Wetter angesagt. Da kneifen Brigitte und ich (speziell ich, mein Nervenkostüm ist heute mal wieder etwas angeschlagen), steigen ab und wandern zum nicht weit entfernten Klettergarten am Sass de Stria rüber. Und hören noch lange die Seilkommandos von Otto und Michael :-)

Der vermutete Regen bleibt natürlich aus und wir klettern einige schöne Routen, darunter sogar eine recht lange Zwei-Seillängen Route. Irgendwann melden sich die anderen per Smartphone, Otto holt uns freundlicherweise ab und gemeinsam trinken wir unser Feierabendbier.

Der nächste Quartierwechsel steht an, also alles ins Auto packen und nochmal hoch zum Falzaregopass zum Sass de Stria (Hexenstein auf Deutsch). Vorbei am Klettergarten von gestern steigen wir gemäßigte 200hm unter der Wand auf zum Einstieg der Südkante (6SL, 4+). War eigentlich nicht zu verfehlen oder doch? Später am Auto erzählten uns Leute, sie hätten den Einstieg vergeblich gesucht...

Brigitte im Durchschlupf an der Südkante des Sass de Stria
Foto: Günter Gersdorf

Heute ist es mal wieder an mir, als Erster einzusteigen. Zum Glück geht es recht leicht hoch, immer der Kante entlang. Von Otto und Michael ist bald nichts mehr zu sehen. In der fünften Seillänge wartet dann ein Durchschlupf unter einem riesigen Klemmblock. Geht leichter als es aussah. Es folgt ein kleinerer Durchschlupf, der aber durch vom Wasser glattpolierten Fels und mit Rucksack doch schwerer ist als die im Topo angegeben Schwierigkeit 3.

Leider muß ich dann die letzte Seilänge, gleichzeitig auch Schlüsselseillänge (4+), in leichterem Gelände umgehen. War vielleicht nicht so schlecht, denn kaum auf dem Gipfel angekommen fängt es an zu hageln. Da machen wir uns natürlich etwas Gedanken um die anderen, die dann aber doch endlich auftauchten. Und Otto klettert die letzte Seillänge gerade als wieder etwas Hagel vom Himmel fällt. Respekt. Der Abstieg ist dann schon sehr interessant. Er folgt dem gesammten Nordwestkamm des Sass de Stria, der durchlöchert ist von Gräben, Kavernen, Schießscharten usw. aus dem Dolomitenkrieg.

Der Hüttenwart der Juac-Hütte erklärt die Westkante auf den Torre Firenze
Foto: Brigitte Moritz

Zum Abschluß des Tages und unserer Kletterwoche wechseln wir dann nochmal das Quartier und fahren über das Grödner Joch (Ja... Pässe heizen :-) nach Wolkenstein. Ein kurzer Aufstieg und wir erreichen die sehr schön gelegene Juac Hütte am Fuße der Stevia-Gruppe im Naturpark Puez-Geisler. Viel ist nicht mehr los und so hat der Hüttenwirt Zeit, uns wort- und gestenreich den Weg zu und durch unsere für Morgen geplanten Route zu erklären.

Morgendliche Wolken lösen sich zum Glück schnell auf. Denn heute soll der krönende Abschluß kommen, die Westkante am Torre Firenze. Mit Schwierigkeit 4+ und mit 14(!) Seillängen schon ein anderes Kaliber als bisher. Leider zu lang für Brigitte und Otto, die es vorziehen, an der Hütte zu bleiben und in der Sonne zu liegen. So machen nur Michael und ich uns auf den Weg. Sanft ansteigend bis zu dem markanten Schotterfeld, über den der Weg zum Einstieg führt. Das gehen wir aber doch auf der falschen Seite an und müssen es dann heikel queren. Hat aber den Vorteil, das wir den Einstieg nun von oben suchen können und finden schließlich auch den seltsamen selbstgebastelten Haken, den der Hüttenwirt dort zur Orientierung geschlagen hat.

Michael im Quergang der Westkante am Torre Firenze
Foto: Günter Gersdorf

Die ersten zwei Seillängen (3+) gehen flott, aber wir sind nicht wirklich sicher, ob wir richtig sind, keine Haken weisen uns den Weg. Aber den 'ausgesetzten Quergang' (4-) in der dritten SL erkennen wir natürlich. Der erweist sich als gut gängig und gut sicherbar. In der nächsten SL soll die Schlüsselstelle kommen, ein kleiner Überhang 4+. Ich darf vorsteigen, bin auch sicher an der richtigen Stelle, aber 4+ ist das nicht wirklich, total easy. Danach geht es mehrere Seillängen immer schön an der Kante lang. Allerdings ist nicht jeder Stand mit Bohrhaken ausgerüstet und so fassen wir dann auch mal zwei Seillängen zu einer zusammen, weil dazwischen kein vernünftiger Stand zu finden ist.

Michael im oberen Teil der Westkante am Torre Firenze
Foto: Günter Gersdorf

Die vorletzte Seillänge hält uns dann leider etwas auf. Michael hat eigentlich den richtigen Stand gefunden, aber von meiner Position aus gesehen sieht das falsch aus, was ich auch sage. Dummerweise glaubt er mir. Eine schnellere Seilschaft überholt uns, und wir warten ab, wo die langgehen. Aber das ist offensichtlich auch nicht richtig. Michael bastelt dann einen eigenen Stand, holt mich nach und da erkenne ich meinen Irrtum. Wir wechseln zum richtigen Stand und erreichen schließlich den Gipfel. Gut sieben Stunden haben wir dafür benötigt, sicher kein neuer Rekord ;-)

Ein längerer Abstieg wartet noch auf uns. Ein kurzer Abstieg und Wiederaufstieg in eine Scharte bringt uns auf eine wunderschöne Hochebene, mit der Steviahütte. Die macht sich nur durch ihren Fahnenmast bemerkbar, zum Glück, sonst ist sie von oben kommend nicht leicht zu finden. Dort gönnen wir uns erstmal ein Bier, oder auch Zwei! Weiter gehts runter, entlang steiler Felswände bis zur Silvesterscharte und von dort steil abwärts (ein Dank an die Wegebauer) zurück zur Juac Hütte. Dort haben Brigitte, Otto und der Hüttenwirt unseren Aufstieg genau verfolgt, denn der obere Teil der Westkante ist von der Hütte gut einsehbar.

Gruppenbild mit Dame (v.l. Günter, Brigitte, Michael, Otto)
Foto: Günter Gersdorf

Nun heißt es Abschied nehmen. Wolken umwabern den Langkofel, ein Gruppenfoto, dann trennen wir uns nach einer wunderschönen Kletterwoche in den Dolomiten. Während Michael und Otto nach Hause fahren, wechseln Brigitte und ich noch in die Schweiz :-)

Für Interessierte gibts mehr Bilder in Günters Bildergallerie

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 6. Februar 2019