Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2018
Ausbildungsreferat

Grundkurs Bergsteigen in Eis und Firn

Chamonix 11. - 19.8.2018

Volker Moshagen
Gletscherbruch auf dem Glacier de Tour
Foto: Volker Moshagen

Beim Vorbereitungstreffen mit den beiden Übungsleitern Robert Rurkowski und Christian Junglewitz waren schon reichlich Erwartungen und einige Ängste geweckt worden. Daher reisten wir mit viel Vorfreude und einigem Respekt vor den Kursinhalten nach Chamonix.

Am ersten Kurstag stand der Aufstieg zum Refuge Albert 1er (2.706 m) an. Trotz eifriger Vorbereitung und Seilbahnunterstützung wurden die verbleibenden 600 Höhenmeter bis zur Hütte mit den durch Seile und Eisgeräte beschwerten Rucksäcken härter als gedacht. Diejenigen, die im Überschwang die vollen 1.300 Hm vom Tal aufstiegen, waren anschließend äußerst ruhebedürftig.

Gipfelrast auf der Aiguille die Tour
Foto: O. Ruth

Nachmittags wurde Gehen mit Steigeisen am Seil auf dem Gletscher geübt, auch an und über Spalten und Spaltenbrücken. Christians Gruppe unternahm erste Versuche im Klettern an einer kleinen Eiswand und im Bouldern mit Steigeisen. Vom Abendessen waren wir angenehm überrascht, es gab nach einer Suppe Fleisch auf Gemüsemix mit Couscous, Käse und Kuchen als Dessert. Unsere freudige Überraschung legte sich im Lauf der nächsten 4 Tage komplett, als sich das Essen Tag für Tag wiederholte und lediglich die Fleischsorte variierte.

Tag zwei stand im Zeichen einer Gletschertour auf das Col Blanche inklusive Besteigung des Petit Fourche (3.512 m) mit einer ersten Eiskletterroute über eine Seillänge und ausgesetzter Kraxelei im Gipfelaufbau. Dass eine der zwei Gruppen eigentlich die Nordwand des Tˆte Blanche anvisiert hatte – tant pis! Die Orientierung in den vielen Felszacken und Eissätteln des Talschlusses war auch für Erfahrene nicht einfach. Nachdem uns ein Hagelschauer ordentlich durchnässt und durchkühlt hatte, ließen wir unsere Schuhe und Seile vor der Hütte trocknen. Während der folgenden Theorieeinheit in Wetterkunde durchnässte ein hinterhältiger Sprühregen unsere Sachen komplett.

Im steilen Firn an der Aiguille Verte
Foto: O. Ruth

Entsprechend verwandelte sich unser Lager in einen Trockenraum. Die Trocknung war auch erfreulich effektiv, denn die Körperwärme von 12 Personen auf engstem Raum heizte ordentlich ein. Die Temperatur in den oberen Lagern dürfte nachts an die 30 Grad betragen haben.

Bei Regen wurde der Vormittag des dritten Tages für Theorie genutzt. Später wurde es freundlicher, und wir gingen in zwei Gruppen zum Eisklettern auf den Gletscher und zum Felsklettern an eine kleine Wand. Hier wurden mit Standplatzbau, Nachholen und Abseilen am Abalakow die Voraussetzungen für größere Unternehmungen gelegt.

Gipfelgrat der Pointes Lachenal
Foto: M. Salzer

Für den vierten Tag versprach die Wettervorhersage stabilen Sonnenschein, daher wurden große Touren geplant. Jens und Volker wollten mit Robert einen der Klassiker im Gebiet bezwingen, die Aiguille du Chardonnet (3.824 m), die übrigen die Aiguille du Tour (3.540 m). Die erste Gruppe war schon kurz nach 4 Uhr auf dem Gletscher. Das erste steile Firnfeld, das Eisgeräte erforderte, erreichten wir mit dem ersten Dämmerlicht. Die Wegfindung war nicht leicht und das Gelände nicht unkritisch. Im oberen Abschnitt musste angeseilt werden. Es folgte ein Felscouloir mit leichtem Klettern, dann eine steile Firnrinne und schließlich Kraxeln am ausgesetzten Gipfelgrat. Entsprechend euphorisch feierten wir am Gipfel. Der Abstieg zog sich, nach 14 Stunden waren wir gerade rechtzeitig zum Abendessen zurück an der Hütte.

Schneegrat an der Aiguille du Midi
Foto: M. Salzer

Die Gruppe um Christian machte sich erst zum Tagesanbruch auf den Weg zur Aiguille du Tour. In stetigem Aufstieg über Gletschergelände wirkten wir in unseren Seilschaften zuweilen wohl wie Strafgefangene, die gebeugt einem ungewissen Ziel entgegenstapften. Dabei wurden wir gelegentlich daran erinnert, dass das Seil zwischen uns immer „lächeln“ muss, weil ansonsten die Seilschaft z.B. bei einem Spaltensturz nichts zu lachen hätte. So erlernten wir reichlich Kniffe im Umgang mit der wildschönen Natur und unseren Materialien. Am Fels angekommen, konnte der eine oder andere nicht so kletteraffine Alpinist beim Kraxeln seine Angstbewältigungsstrategien weiterentwickeln und wurde dafür auf dem Gipfel bei bestem Wetter mit traumhafter Aussicht belohnt.

Der nächste Tag sollte ein Ruhetag sein. So wurden nur ca. 4 Stunden Fels- und Eisklettern geübt, gefolgt von knapp zwei Stunden Abstieg zur Seilbahn bzw. drei Stunden ins Tal im Eiltempo bei angesagtem Gewitter.

Für den sechsten Tag stand die Petite Aiguille Verte (3.512 m) auf dem Programm. Nach kurzem Zustieg über steiles Firngelände begann jetzt echte Eiskletterei, wobei der Einsatz von Eisschrauben und Eisgeräten verfeinert werden konnten. Der ausgesetzte Gipfelaufbau musste wieder erklettert werden, was den nicht schwindelfreien Mitstreitern einiges abverlangte. Der Rückzug gestaltete sich in Wolken, Hagel und Donnergrollen recht aufregend, es erreichten aber alle wohlbehalten die Seilbahn.

Foto: Volker Moshagen

Den letzten Kurstag nutzte etwa die Hälfte der Teilnehmer zum Chillen und Einkaufen, der Rest fuhr mit der Gondel von Chamonix auf die Aiguille du Midi (3.842 m). Bei schönstem Wetter waren nochmal Eisklettern, luftige Gratkletterei, Abseilen und Genussklettern in kompakten Granitblöcken bei einer wunderschönen Tour über die Pointes Lachenal (3.591 m) zu absolvieren.

Es war eine tolle Woche! Wir haben viel über das Bergsteigen in Eis und Fels gelernt, jede Menge Spaß miteinander gehabt, neue Menschen und Berge kennengelernt - und wir haben alle unsere Grenzen ausgetestet und Touren gemacht, die vorher nicht vorstellbar waren.

Vielen Dank an alle Mitstreiter (Angela, Isabell, Muriel, Dennis, Oliver, Martin, Volker, Michael, Till und Jens) und insbesondere an Christian und Robert für diese lehr- und erlebnisreiche Woche in Chamonix!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. Dezember 2018