Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2017
Hochtourengruppe

Und immer wieder lockt der Brocken

Eine Weitwanderung von Braunschweig zum höchsten Berg des Harzes

Jens Köhler

Fünf Jahre sind vergangen, nachdem die Hochtourengruppe im Jahr 2012 das letzte Mal die lange Wanderung vom Thüringenplatz zum Brockengipfel unternahm. Heute, am 08. April 2017, war es mal wieder soweit. Viel Schlaf war für die Teilehmer nicht drin, denn um 02:30 Uhr starteten Christine Freywald, Clemens Pischel, Christiane Zehrer, Uli Buchheister, Manfred Postler, Katrin Emmert und ich am Thüringenplatz im Braunschweiger Stadtteil Heidberg. Wir liefen 200 Meter bis zur Autobahnbrücke, und schon kam auch eine Straßenbahn an, die weitere vier Wanderwütige ausspuckte, nämlich Ralf und Karina Hartzsch, Matthias Rahn und zu guter Letzt Michael Krech.

Mit Stirnlampen durch den Oderwald
Foto: Jens Köhler

Ja, worauf hatten wir uns da nun eingelassen? An der Oker ging es zunächst nach Wolfenbüttel, durch die westlichen Wohngebiete hinauf zum Oderwald, quer durch den langen Wald nach Werlaburgdorf. Wieder zurück zur Oker und über Schladen nach Vienenburg. Dort Wechsel des Flusses zur Radau, am Gut Radau vorbei nach Westerode, schnell noch durch Bad Harzburg hindurch und dann am Burgberg vorbei zum Molkenhaus, zum Schluss der Kolonnenweg.

Doch betrachten wir nun die Stationen der 66 km bis zum höchsten Harzgipfel im Detail.

Ein merkwürdiges Bild war es, als die leere Straßenbahn zwischen Melverode und Stöckheim an uns vorbeifuhr. Nach knapp 2 km erreichten wir die Oker und wieder einmal musste der Altarm bei Stöckheim umrundet werden. Im Südwesten flackerte häufiger der Himmel rot auf: Hochofenanstich in Salzgitter! Nach weiteren 2,5 km verließen wir die Oker, liefen durch das südliche Stöckheim und wanderten zum ersten aber nicht letzten Mal unter der Autobahn durch. Endlich ein Grasweg, der uns durch die Okerwiesen nach Groß Stöckheim brachte, 8,5 km waren jetzt geschafft. Vier Kilometer liefen wir nun durch das westliche Wolfenbüttel, wir trafen auf drei Jugendliche, die von einer Party nach Hause gingen. „Seht mal, eine Gang“, bekamen wir zu hören, doch Matthias konnte den dreien erklären, was wir vorhatten. „Hey, sowas sollten wir auch mal machen!“, kam als Antwort zurück. Viele Haken schlug nun der Weiterweg im Ort, ehe wir in einem kleinen Park am Stadtrand nach dem ersten Dutzend der Kilometer eine Bananenpause machten.

Danach war schnell die Posteiche im Oderwald erreicht, und wir tauchten ein in den 10 km langen Weg durch einen auch nachts sehr schönen Buchenwald.

Viele Buschwindröschen warteten auf den neuen Tag, und in der Mitte des Waldes begannen die Vögel zu erwachen, und schnell war die Luft von Gesang erfüllt, während immer mehr von uns elf Wanderern die Stirnlampen wieder im Rucksack verstauten.

Verrückt? Ne, Spaß am Leben! Bruni empfängt uns in Vienenburg
Foto: Jens Köhler

Es war schon richtig hell, als wir den Oderwald bei Werlaburgdorf verließen. 24 km, eigentlich schon für sich eine Tagestour, und wir machten eine längere Frühstückspause an der wohlbekannten Quelle. Danach durchwanderten wir das kleine Dörfchen, querten die Schienen der Warnetalbahn und gelangten über Feldwege wieder zurück an die Oker. Die Hänge unterhalb der Kaiserpfalz Werla waren von vielen weiß blühenden Sträuchern bewachsen, eine richtige Augenweide. Das Wetter beschloss nun, sich nicht mehr um die Wettervorhersage der letzten Tage zu kümmern, und Nieselregen setzte ein. Mit dieser leichten Wasserkühlung näherten wir uns unaufhaltsam Schladen. Zwischen Zuckerfabrik und der Domäne ging es immer entlang der Oker in die südlich des Zentrums gelegenen Parkanlagen. 31 km hatten wir geschafft, fast schon Halbzeit, als plötzlich das Telefon klingelte. Es war Thomas Schmidt, er war etwas später gestartet, um den ersten Teil der Strecke gemeinsam mit Kathrin Müller zu joggen. Fünf Minuten später hatten die beiden uns eingeholt, und mit nun 13 Personen ging es weiter in die Okeraue. Nach einer pittoresken Schafherde erreichten wir bei Kilometer 33 „Max“, die berühmte Brücke über die Oker kurz vor den Angelteichen. Nach einer kurzen Pause ging es nun in die für ihre Hitze gefürchtete Okeraue. Wir hatten aber Glück, es war bedeckt, und bei Nieselregen kamen wir nicht allzu sehr ins Schwitzen. Immer wieder erfreuten weiß blühende Sträucher und die ersten Laubbäume mit frischem Grün unsere Augen, und in den Hängen rechts von uns waren auch einige große Flächen mit duftendem Bärlauch bewachsen. So ging es fröhlichen Schrittes in Richtung Vienenburg. Nach gut 39 km ging es zum zweiten Mal unter der A395 hindurch, und an der Oker trafen wir ein Ehepaar mit zwei Hunden, das uns nach dem Ziel der Wanderung fragte. Was, zum Brocken? Das sind doch noch mindestens 25km! Als sie dann erfuhren, wo wir herkamen, waren sie nur noch sprachlos!

Westerode kommt näher!
Foto: Ralf Hartzsch

Vienenburg, fast 42 km: An der Schützenklause warteten Bruni Watteroth, Sylvia Reichard, Helga Glienecke und Rita Krech mit einem tollen Brötchenbuffet auf uns. Frisch gebrühten Kaffee gab es auch und Schokolade, soviel wir wollten! Auch Edith und Horst Rose und Heidelore und Manfred Freyer waren zum Anfeuern und Mutmachen an den „Streckenrand“ gekommen. Wir stärkten uns, viele wechselten ihre Socken, und leider musste Michael die Wanderung hier abbrechen. Nach der Pause fuhr er mit Sylvia, Rita und Bruni mit, um später ab Torfhaus zum Brocken aufzusteigen. Dafür bekamen wir aber wieder Zuwachs: Stefan und Tanja Weinert, Winfried Rasp und sein Wanderfreund Jörn Stapelfeld und Helga Glienecke schlossen sich uns an. Der einzige Radfahrer zum Brocken, Ronald Scheffler, traf kurz vor unserem Aufbruch auch noch ein. Als Wanderleiter korrigierte ich die Teilnehmerzahl: 13-1+5=17 waren wir jetzt und setzten die lange Wanderung entlang der Radau fort. Bald wurden die Felder zur Linken ersetzt durch leuchtend grüne Pappelwäldchen. Ralf merkte an, dass es sich hier wahrscheinlich um Energiepflanzen handelt, die nach ein paar Jahren des Wachstums geernet und in Biostrom umgewandelt werden. Nach drei Kilometern erreichten wir das Gut Radau und damit den einzigen längeren Straßenabschnitt (500 m), den wir benötigten, um die Harzautobahn zum dritten Mal zu unterqueren. Dann kamen wir oberhalb Westerodes an und erreichten nach 49 km den Butterberg, nach dem Oderwald der erste längere Anstieg. An der Landstraße wartete noch einmal unser Helferteam auf uns, und sie päppelten uns mit guten Worten und den verbliebenen Brötchen so gut auf, wie es nur ging.

Leider half dies nicht mehr bei Manfred und Uli. Manfred fühlte sich unwohl, wahrscheinlich eine Folge der Erschöpfung, und Uli hatte sich mit neuen Wanderstiefeln zu viele Blasen gelaufen. Beide fuhren bei Horst und Edith mit und konnten ab Torfhaus die Wanderung fortsetzen. Nun waren wir also nur noch fünfzehn, der Moment „Last exit for the lost“ war gekommen. Langsam wurde es für alle schwer, nach Pausen wieder in Gang zu kommen, aber wir konnten bald in wieder ordentlichem Tempo Bad Harzburg durchqueren und strebten auf immer steiler werdenden Straßen dem Burgberg entgegen. Am Kriegerdenkmal eine kurze Trinkpause, dann nahm uns der Harzwald auf. In mäßiger Steigung ging es um den Burgberg herum, unter den Kabeln der Seilbahn hindurch in Richtung Molkenhaus, wo fast 56 km ab Thüringenplatz schon bewältigt waren. Bei einem letzten Kaltgetränk kam verhaltene Freude über die nun nur noch einstellige Restkilometerzahl auf! Mit Holger Emmert stieß auch der letzte der angemeldeten Teilnehmer zu uns.

Morgens am Gipfel: Rita, Tanja, Christine, Clemens, Christiane, Stefan, Matthias, Katrin, Bruni, Holger, Manfred, Thomas, Uli, Karina, Ralf, Michael, Jens, Helga, Sylvia, Kathrin und Ronald (v.l.n.r., oben/unten)
Foto: Jens Köhler

Dann gab es eine Premiere, denn zumindest seitdem ich diese HTG-Langstreckenwanderung führe, ging es erstmals über die Molkenhauswiese hinunter ins Eckertal, und nicht wie sonst über die langweilige Waldautobahn. Drei Kilometer später war die Eckerstaumauer überwunden, und nun löste sich die große Gruppe auf, es bildeten sich kleine Teams je nach Geschwindigkeitsvorlieben, um dem Brocken über den Kolonnenweg auf's Haupt zu steigen. Mit Karina bewältigte ich die endlose Betonpiste in einer formidablen Zeit, und um 18:15 Uhr schlugen unsere Hände die Plakette am Gipfelfelsen an. Die letzten trafen kurz vor 19.00 Uhr ein. Von dreizehn Teilnehmern, die in Braunschweig starteten, kamen zehn an! Mit den anderen, die vom Torfhaus kamen, feierten wir ab 20 Uhr gemeinsam in der Hexenstube einen extrem langen aber für alle erlebnisreichen Wandertag.

Am Sonntag wurde für HTG-Verhältnisse lange geschlafen. 09:00 Uhr gemeinsames Frühstück, bei schönstem Frühlingswetter ein Gruppenfoto am Gipfelfelsen, dann begann der Abstieg. Nur Holger, Katrin und ich wählten den langen Abstieg nach Bad Harzburg, die meisten aber nahmen den kurzen und einfachen Weg zum Ehrenfriedhof oder zum Torfhaus.

Zum Schluss geht mein Dank an Helga, Rita, Sylvia und Bruni, die sich als Service-Team unglaublich viel Mühe gegeben haben und die leidenden Wanderer fantastisch versorgt haben. Mit Bruni hatten wir eine wahre Spezialistin dabei, die in den Vorjahren immer dabei war und dadurch ihre ganze Erfahrung ausspielen konnte!

Beenden möchte ich diesen Bericht mit dem Spruch, den alle Teilnehmer der kompletten Strecke auf der Wanderurkunde stehen haben:

Am Abend tut's noch weh, aber morgen ist's scho' schee!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 13. Juni 2017