Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2017
Hochtourengruppe

Wilde Wege in der Westtatra

Jens Köhler

Ralf Hartzsch hatte 2015 eine Fahrt in die Westtatra in das Grenzgebiet zwischen Polen und der Slowakei angeboten. Holger Blume, Jens Köhler, Kathrin Müller und Ronald Scheffler nahmen dies wahr, und zusammen brachen wir fünf am 3.September 2016 in Braunschweig auf, um zur östlichsten Gruppenfahrt der ganzen letzten Jahre aufzubrechen.

Ronald und Ralf im Latschenwurzelwerk
Foto: Jens Köhler

Details zur Autofahrt interessieren nicht, am Abend kamen wir an der Chata Jakubina an. Ralf und Holger verpflegten sich in der Hütte selbst, die anderen drei mussten im benachbarten Hotel regelrecht betteln, um noch eine warme Mahlzeit zu erhalten. Der September ist schon absolute Nebensaison, und das haben wir hier deutlich zu spüren bekommen.

Am darauf folgenden Samstag stand eine sehr lange Wanderung auf dem Programm: Wir erklommen den 2.194 m hohen Jakubina und überschritten den Hauptkamm nach Polen. Wir konnten die gesamte Westtatra überblicken, auch die Hohe Tatra mit dem fast 2.500 m hohen Kriváň kam in Sicht.

Besonders die rot und orange gefärbten Hänge oberhalb der Baumgrenze beeindruckten uns immer wieder. Der letzte Gipfel, auf dem wir eine Aussicht genießen konnten, war der ca. 1.600 m hohe Trzydniowiański Wierch. Ja, nicht nur in Island gibt es unaussprechliche Buchstabenungetüme!

Es folgte ein regelrecht gelenkzermalmender Abstieg ins Chocholowska-Tal. Hier unten war unglaublich viel los, zahlreiche Tagesausflügler kehrten von der Chocholowska-Hütte heim. Wir schwammen gegen den Strom und kamen in einer uralten und liebevoll restaurierten Berghütte an. Mit Ralfs Hilfe verhinderten wir, dass wir das falsche Essen bestellten, und so wurden wir alle satt.

Beim Aufstieg zum Pachola
Foto: Ralf Hartzsch

Was für ein Jammer am Montagmorgen: Über Nacht traf das angekündigte Regengebiet ein, es pladderte draußen. Derweil kämpften wir uns durch die Frühstücksbestellung: In Polen und der Slowakei ist es üblich, dass man alles einzeln bestellt. Es ist zwar mühsam, aber dafür kann jeder individuell bestellen, entsprechende Sprachkenntnisse vorausgesetzt!

Irgendwann brachen wir dann auf. Das Tagesziel war die Chata Zverovka, wieder auf slowakischer Seite. Dazwischen lag der 1.653 m hohe Lúčna. Bei Nieselregen ging es bergauf. Schön war es nicht, Aussicht gab es auch keine. Oben hielt sich der Regen immer noch zurück, und so wagten wir, den Kasne-Kamm zu begehen. Hier fanden wir die besten Blaubeeren weit und breit, und solange sich der Regen zurückhielt, naschten wir nach Herzenslust! Immer wieder betraten wir Waldlichtungen mit großflächig blühendem Schwalbenwurz-Enzian, der in der Tatra besonders verbreitet ist. Leider setzte irgendwann aber kräftiger Dauerregen ein, der uns bis zur Chata Zverovka begleitete. Dort erhielten wir ein großes 5er-Zimmer, schnell waren überall die nassen Klamotten aufgehängt oder ausgebreitet. Wir gingen dann zur inneren Befeuchtung über und probierten die Kaltgetränke in der Gaststube. Der weitere Abend wurde zur Planung der folgenden Tage genutzt.

Überall blüht der Schwalbenwurz-Enzian
Foto: Ralf Hartzsch

Den Dienstag wollten wir eigentlich für eine Tour auf dem Hauptkamm nutzen, aber nur Kathrin konnte sich um sieben Uhr aufraffen, in den Dauerregen zu starten. Die vier anderen schliefen aus und probierten zum Frühstück „Káva Alžírska“. Etwas verdutzt waren wir, als statt des erhofften Filterkaffees ein Kaffee mit Sahnehäubchen im Henkelglas gebracht wurde, und beim Nippen stellte sich ein eigenartiger Geschmack ein: Da war tatsächlich Eierlikör im Kaffee! Gegen zehn Uhr ließ der Regen endlich nach, und jeder von uns machte das Beste daraus: Holger machte einen Blaubeerspaziergang, Ralf stieg mit Jens und Ronald zunächst zum berühmten Roháčsky-Wasserfall auf.

Dort trennte er sich von den beiden und ging zurück. Jens und Ronald verlängerten die Tour noch und besuchten die Roháčsky-Seen im Rahmen einer orographisch faszinierenden Wanderung. Leider war es fast durchgängig neblig, aber zumindest halbwegs regenfrei.

Abends waren wir dann alle beisammen, und auch Kathrin kam auf ihre Kosten, wenngleich bei einem kleinen Sturz ihr Schienenbein blutig zerschrammt wurde.

Ralf vor dem Baranec
Foto: Jens Köhler

Am Mittwoch war das schlechte Wetter endlich vorbei, der Spätsommer kehrte mit Wucht und Macht zurück. Wir wollten nun wieder die Gebirgsseite wechseln. Der erste lange Aufstieg führte uns auf den ca. 1.600 m hohen Predný Salatín. Beim Erklimmen einer kleinen Kuppe eröffnete sich uns ein unglaubliches Panorama, denn die gesamte Ebene war mit Wolken bedeckt, nur die Berge der Tatra ragten heraus. Damit konnten wir die Sonne in vollen Zügen genießen, und da wir nun aus dem Hochwald heraus waren, kühlte uns auch etwas Wind.

Nun folgte ein wilder Ritt über den Gebirgskamm, in ständigem Auf und Ab ging es bis zum höchsten Punkt, dem 2.178 m hohen Baníkov. Zwischendurch lernten wir, dass sich in der Gegend Schränkchen („Skriniarky“) gerne mal in Schweinereien („Sviniarky“) verwandeln. Aber ob nun Schweine oder Schränke, wir hatten unterwegs viel Kraxelspaß bei tollem Wetter!

Vom Baníkov ging es dann wieder landschaftlich großartig hinunter zur Žiarska Chata. Ralfs Plan, dort zu übernachten, klappte leider nicht, weil alles ausgebucht war, und so blieb es bei einer kleinen Einkehr, ehe wir die letzten Kilometer zum Talort Žiar in Angriff nahmen. Reichlich erschöpft erreichten wir nach 21 km und 1.600 Höhenmetern das Hotel Spojár, wo Kathrin schon wartete, obwohl sie heute wieder eine längere Individualstrecke gewählt hatte.

Das Abendessen im Hotel war einfach famos, insbesondere die Knoblauchsuppe war der Hit!

Nach einer erholsamen Nacht im Hotelbett starteten wir bei wieder bestem Wetter eine Kammwanderung über den 2.184 m hohen Baranec, Tagesziel war wieder die Chata Jakubina, wo Holgers Auto stand. Der Aufstieg erfolgte von Südwest, der Abstieg nach Südost, so dass wir ein kleines Dreieck wanderten. Im Abstieg fanden wir wieder zahlreiche Heidelbeeren, und Ralf fand sogar einen Platz, wo er im Liegen pflücken konnte!

Am Ziel angekommen, kam erstmal die Körperpflege an die Reihe, Ralf und Jens wählten hier die radikalste Art und nahmen ein Bad im eiskalten Bergfluss Račková. Danach suchten wir eine warme Mahlzeit, und das war echt schwer. Erst nach zwei Kilometern, am Ende der Straße, war uns das Hotel Mier gnädig und gewährte uns im Beisein einer Seminargruppe ein Abendessen.

Abstecher in die Himbeeren
Foto: Ralf Hartzsch

Krönender Abschluss der Tatrafahrt war am Freitag die Besteigung des 2.494 m hohen Kriváň. Eine Autofahrt ersparte uns ca. 15 km Anmarsch, und zusammen mit zahllosen Slowaken brachen wir auf. Man muss hierbei wissen, dass der Kriváň eines der Wahrzeichen des Landes ist, vielleicht vergleichbar mit dem Brocken in unseren Breiten. Dieser Berg ziert unter anderem die slowakischen Cent-Münzen. Der Weg war großteils einfach, nur die letzten 100 Höhenmeter erforderten etwas Kletterei. Oben machten wir eine lange Pause und genossen die Aussicht in die zahllosen Felsketten der Hohen Tatra, die nun direkt vor uns lag.

Auf direktem Weg stiegen wir nun nach Südost zum kleinen Moorteich Jamské Pleso ab. Holger und ich sprangen kurzentschlossen in das kühle Nass, die anderen tauchten nur die Füße hinein. Keine zwei Stunden später waren wir wieder am Auto, wobei unser Durchschnittstempo durch Heidel- und Himbeeren doch arg reduziert wurde. Im kleinen Skidörfchen Podbanské gab es zum Tourenabschluss noch ein opulentes Mahl.

So schnell wie die sechs Tourentage vergingen, so zügig und reibungslos klappte auch die Rückfahrt, und mit vielen tollen Erinnerungen an eine gelungene und harmonische Gruppenfahrt kehrten wir nach Niedersachsen zurück.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 1. März 2017