Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2017
Allgemein

7000er-Expedition etwas anders

mit Annapurna-Umrundung

Thomas Schmidt
Wir mit unserer Mannschaft im Basislager des Himlung
Foto: Robin Hüskes

Auf dem Weg vom Himlung Himal (7126 m) zurück in die Zivilisation kommen uns auf dem schmalen Bergpfad zahlreiche Eselskarawanen (geschätzt 30 Tiere) entgegen. Die Esel sind allesamt schwer beladen mit Proviant und Ausrüstung einer 8-köpfigen Gruppe, die bei der Agentur „Seven Summits“ das Komplettpaket gebucht hat und ca. 14 Tage am Berg verbringen wird. In diesen 14 Tagen werden mehrere Vorstöße in Richtung Gipfel unternommen, zwischen denen es Ruhepausen im Basislager gibt, wo Klappstühle und andere Luxusgüter auf gar keinen Fall fehlen dürfen: so die in Nepal übliche Herangehensweise im klassischen Expeditionsstil.

Wir geben den acht Gipfelaspiranten ein paar Infos aus erster Hand und sie verabschieden sich mit den Worten: „…und lasst euch von unserem Hausrat nicht erschlagen!“. Dabei wird uns richtig bewusst, dass unsere Herangehensweise etwas anders war– wir eher im Alpinstil unterwegs sind: nur 4 Tage am Berg, vergleichsweise wenig Ausrüstung und ein überschaubares Team an einheimischen Nepali.

Unsere Route (im Uhrzeigersinn)

Wir sind vier Braunschweiger DAVler (Thomas Schmidt, Jessica Schrader, Günter Gersdorf sowie Brigitte Moritz) und zwei gute Freunde aus Hannover (Robin Hüskes) bzw. Nürnberg (Grzegorz Andzelm). Begleitet werden wir von unserem Guide Indra, dem Hilfsguide Kaji, unserem Koch Bhakta sowie sieben weiteren Trägern. Für unsere Expedition ist der Himlung „nur“ einer von mehreren Höhenpunkten auf der Annapurna-Umrundung – ein Abstecher von unserer 24-tägigen Trekkingtour. Ganz bewusst wollen wir den Erfolg unserer Expedition nicht von einem einzigen Berg abhängig machen, sondern die nötige Höhenanpassung durch zwei Passüberquerungen und eine 6000er-Bergtour erlangen.

Wir starten also am 27.09.2016 unweit von Pokhara auf gerade mal 1000 m und gelangen auf gut begangenen Wegen in zwei Tagen zum Poon Hill. Dieser knapp 3200 m hohe Hügel bietet bei klarem Wetter eine atemberaubende Aussicht auf das gesamte Annapurna-Massiv. Wir haben leider nicht so viel Glück, bekommen dafür aber wenigstens beim Frühstück ein paar Berge zu Gesicht.

Lager 1 auf ca. 4000 m, im Hintergrund der Dhaulagiri mit 8167 m
Foto: Thomas Schmidt

Auf unseren Trekkingetappen nutzen wir die örtliche Infrastruktur – Lodges als Unterkunft. Das Essen ist mehr als reichhaltig und besonders lecker sind die lokalen Bananen. Wir durchqueren in einer Höhe von ca. 2500 m das tiefste Tal der Erde (zwischen den 8000ern Annapurna I und Dhaulagiri), wobei insbesondere der Oberlauf des Kali Gandaki mit seinen Mäandern landschaftlich sehr reizvoll ist. So erreichen wir den Ort Marpha, welcher den Ausgangspunkt für unsere erste Passüberquerung darstellt. In Marpha tätigt Bhakta noch letzte Einkäufe, während wir zur Akklimatisierung eine Tour bis auf 4000 m unternehmen. Auf etwa derselben Höhe schlagen wir tags darauf auch unser Lager auf, in dem uns Bhakta erstmalig bekocht.

Vom Gletscher des Tilicho Peak gespeister See auf 4900 m Höhe
Foto: Thomas Schmidt

Um die Höhenanpassung weiter voranzutreiben, errichten wir Lager 2 an einem kleinen Bach auf knapp 4600 m. Außerdem wählt jeder von uns sein Tempo individuell, wobei unser Guide Indra dafür sorgt, dass keiner alleine zurückbleibt. Dennoch verlangt uns der nächste Tag alles ab: während der Rast auf der Passhöhe des Mesokanto La – Brigitte und Günter sind noch im Aufstieg – bekommt Robin Kopfschmerzen – erste Anzeichen von Höhenkrankheit. Der Weiterweg führt auch nicht direkt zum Ufer des Tilicho Sees, sondern es muss noch der etwas höhere Mesokanto North überquert werden. Robin überlegt daher, das auf knapp 5000 m geplante Lager auszulassen, um weiter absteigen zu können. Zum Glück bessern sich seine Symptome bereits nach den 300 Hm Abstieg und auch Brigitte erreicht mit Einbruch der Dunkelheit unser Lager am See. So dürfen wir alle zusammen am nächsten Vormittag ausgiebig das herrliche Panorama und die für uns nun gewohnte Höhenluft genießen.

Ein schöner Firngrad als Aufstiegsroute auf den Chulu Far East
Foto: Thomas Schmidt

Nachmittags steigen wir ab in das von interessanten, erosionsgeformten Felsstrukturen geprägte Tal des Khangsar Khola. Am nächsten Tag gönnen wir uns in der „German Bakery“ von Manang leckeren Kuchen, besuchen ein buddhistisches Kloster und erreichen Ngawal – den Ausgangspunkt für unsere 6000er-Bergtour. Dort nehmen wir zusammen mit unseren nepalesischen Freunden an einer Zeremonie teil und werden vom lokalen Lama gesegnet. Anschließend steigen wir in Richtung Chulu Far East 1300 Hm auf und errichten auf 4900 m unser Basislager. Am nächsten Tag geht es weiter ins Hochlager, das auf 5400 m liegt, wobei uns eine Gruppe Engländer begegnet. Diese wird von einem am Everest erfahrenen Guide geleitet, der uns berichtet, dass der Weg auf unseren Berg unpassierbar und deswegen die Gruppe beim Gipfelversuch gescheitert ist. Indra und Bhakta sind beunruhigt; ich entschließe mich zu einer nachmittäglichen Erkundungstour. Und siehe: die Engländer hatten einfach einen falschen Weg gewählt – bei besten Firnverhältnissen bewältige ich die 600 hm auf den 6060 m hohen Chulu Far East in gerademal zwei Stunden und bin eine weitere Stunde später zurück. Günter und Robin testen ebenfalls die Verhältnisse und richten ein Materiallager am Steigeisenpunkt ein.

Der 7126 m hohe Himlung von Lager 3 aus
Foto: Thomas Schmidt

Dank unserer guten Höhenanpassung bereitet uns die Nacht im Hochlager keine Probleme. Es fallen jedoch gut 20 cm Neuschnee, welcher uns beim morgendlichen Gipfelsturm mit jedem Schritt zu schaffen macht. 100 Hm unterhalb des höchsten Punkts schwinden plötzlich Günters Kräfte. Wir überzeugen ihn jedoch, nicht aufzugeben und erreichen nach mehr als 4 Stunden gemeinsam den Gipfel: für die meisten von uns ein persönlicher Höhenrekord!

Wegen aufkommender Bewölkung steigen wir rasch ins Basislager ab und sind bereits gegen Mittag des nächsten Tages wieder zurück in Ngawal. Wir gönnen uns einen halben Ruhetag und spendieren unseren Trägern abends eine ordentliche Portion Dalbhat. So gestärkt gelingt uns die Überschreitung des 5300 m hohen Kang La Passes, obwohl 1700 Hm überwunden werden müssen. Weiter nordwärts geht es in zwei langen Tagesetappen über die Orte Naar und Phu zum Basislager des Himlung, welches sich auf 4950 m befindet. Mir wird dabei jeder Schritt zunehmend zu einer Tortur; irgendetwas stimmt nicht mit mir: ich fühle mich ungewohnt schlapp, während Robin sogar noch Kraft hat, auf 5400 m ein Lager zu errichten, welches uns für den „Notfall“ als Rückzugspunkt dienen soll. In dem Gedanken, so keinesfalls auf den Gipfel zu können, nehme ich einen Cocktail aus Mineralen und Mikronährstoffen zu mir, probiere ein Abführmittel und hoffe, dass es mir tags darauf besser geht.

Und tatsächlich: ich kann meinen Rucksack wieder tragen, unsere Träger begleiten uns noch bis Lager 1 und nach brüchiger Kletterei errichten wir Lager 2 auf knapp 5900 m Höhe. Ein herrlicher Sonnenunter- sowie Mondaufgang ist uns vergönnt, wir können den Gipfel aus unserem Zelt bereits sehen und beschließen, ihn schon am nächsten Tag zu versuchen. Es ist allerdings bereits 9:30 Uhr als wir aufbrechen, wir erreichen Lager 3 (6100 m) gegen 11 Uhr und gestehen uns angesichts der noch vor uns liegenden 1000 Hm ein, dass wir den Gipfel nicht erreichen können.

Das Wetter jedoch ist topp, und wir lassen es uns in der wärmenden Sonne gutgehen und genießen die Aussicht. Der nächste Tag ist ebenfalls sowohl klar als auch windstill und so bekommen wir einen zweiten Versuch geschenkt. Diesmal läuft alles wie am Schnürchen: um 4:30 Uhr aufgebrochen, ist bereits um 9 Uhr (zum Sonnenaufgang) die 6500-m-Marke überschritten. Die Firnverhältnisse sind nahezu perfekt, die Gratflanke zum Gipfel im Zick-Zack ohne besondere Schwierigkeiten gangbar und es macht Spaß, sich zu verausgaben. Die dünner werdende Luft macht sich natürlich schon bemerkbar – wo zunächst nur alle 200 Hm eine Pause gemacht werden musste, ist zum Ende bereits nach 20 Hm im wahrsten Sinne die Luft raus. Dennoch können wir um Punkt 12 Uhr – unserer zum Funken per Walkie-Talkie verabredeten Zeit – ans Basislager melden, dass der Gipfel erreicht und die Aussicht atemberaubend ist. Ja! Was für ein Blick: südwestlich das Annapurna-Massiv, südöstlich der Manaslu (8163 m) und nördlich weit auslaufend die tibetische Hochebene.

Auf dem Gipfel des Himlung, im Hintergrund die 8091 m hohe Annapurna
Foto: Thomas Schmidt

Die dicke Daunenjacke bewährt sich übrigens sowohl in den frühen Morgenstunden als auch in der Mittagssonne bestens– isoliert sowohl bei Kälte als auch bei Hitze. Windstill ist es und dort oben 1 Stunden zu verbringen ein Traum. Der Abstieg geht fast wie von selbst und gegen 16:30 ist das Zelt in Lager 2 erreicht. Am nächsten Tag genießen wir unweit von Lager 1 ein Bad in einem 5300 m hoch gelegenen See und bekommen am Basislager eine mehr als reichliche Mahlzeit. Unsere Expedition ist erfolgreich und unsere nepalesischen Begleiter sind voller Stolz: hatten andere Expeditionen unser Vorhaben doch höchst kritisch beäugt und es nicht für möglich gehalten, in unserer etwas anderen Art und Weise – im Alpinstil auf den Gipfel zu kommen.

Mit einem guten Gefühl setzen wir unsere Annapurna-Umrundung fort und sind drei Tage später zurück in Kathmandu, wo vor dem Heimflug noch genug Zeit für Sightseeing ist. In Erinnerung bleiben wird uns neben den schönen Bergtouren besonders die gute Zusammenarbeit mit unseren nepalesischen Begleitern, die stets freundlich, geduldig und zuvorkommend sind.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 1. März 2017