Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2015
Skigruppe

Die Skigruppe radelt durch Südholland

7. Radreise von Fischer-Tours

Walter Sprenger

Nach langer und wie immer sorgfältigster Vorbereitung durch Hermann Fischer, Radtouristikspezialist der Skigruppe und seiner Assistentin Ingrid, startete der harte Kern der Radtourenfreunde der Skigruppe, 20 Mitglieder, dazu 4 Gäste aus dem Umfeld des Skigruppenleiters am 5. September mit einem Bus des Reiseunternehmens „Sausewind“ nach Amsterdam.

Die Lena Maria, unsere schwimmende Herberge
Foto: H. Hielscher

Das uns auf den Touren begleitende Hotelschiff namens Lena Maria war ein für den Tourismuszweck „Boat und Bike“ umgebautes Frachtschiff.

Jan, der Kapitän des Schiffes, im Hauptberuf Tischler, hatte das Schiff einige Jahre zuvor in eine attraktive mobile Herberge umgebaut. Die Räumlichkeiten auf dem Oberdeck – Speisesaal für Frühstück und Abendbrot und für das für einige von uns unvermeidliche Kartenspielen nach dem Abendessen – waren sehr ansprechend.

Die Schiffsmannschaft: Harriet, Jan und Madija
Foto: W. Sprenger

Ebenso die zwölf doppelbettigen Kajüten, zwar von überschaubarer Größe, aber dennoch mit Dusche und Toilette ausgestattet. Es war wirklich sehr angenehm, wenn man am späten Nachmittag nach 40 bis 50 km Radfahren ohne Gepäck – praktisch nur mit der für die Niederlande in aller Regel dringend zu empfehlenden Regenkleidung in den Radtaschen - sein Tagesziel erreicht und - falls man morgens ein ordentlicher Mensch gewesen ist - abends sein „selbstgemachtes“ Bett vorfindet. Die Besatzung unserer Lena Maria bestand aus Jan, dem bereits genannten Kapitän, seiner Frau Harriet und der überaus kompetenten Köchin namens Madija.

Besonders zu loben: Das Abendessen, jeweils drei Gänge, Vorspeise, Hauptgericht und Dessert, meistens von origineller Rezeptur, hat uns trefflich gemundet. Schon bei der Vorstellung des Menüs hat Harriet immer Beifall bekommen, jeden Tag mehr!

Die Gruppe vor dem Start
Foto: W. Sprenger

Vor dem Abendessen ging es am ersten Tag noch zu einem Spaziergang durch das quirlige Zentrum: Frau Bruggen, genannt Roelie, unsere Reiseführerin, eine erfahrene und auf dem Fahrrad sehr sportliche Dame, führte uns zu vielerlei städtebaulichen und touristischen Schwerpunkten, verführte uns jedoch nicht, in eines der zahlreichen Coffeeshops zu gehen, in denen man „Stoff“ kaufen kann. Eher zufällig - von den Damen wohl nicht gewünscht, für die Männer erträglich - durcheilten wir auch Gassen des Rotlichtbezirkes. Überaus eindrucksvoll war die am späten Abend besichtigte Städtische Bibliothek, sieben Stockwerke reichhaltig ausgestattet mit Büchern und aktuellen Medien der Kommunikation, geöffnet bis fast in die Nacht.

Ein kleines Schlösschen an der Vecht
Foto: W. Sprenger

Das Leben und Treiben, die Menschenfülle in der ethnisch unglaublich durchmischten Weltstadt Amsterdam war für unsere Gruppe - zu Hause im ruhigen Braunschweig und seiner ländlichen Umgebung bis hin nach Hambühren bei Celle - in seiner Lebendigkeit wirklich faszinierend. In dem „Gewusel“ von Passanten musste man schon aufpassen, um nicht verloren zu gehen.

Erster Tag auf dem Fahrrad: Von Amsterdam nach Utrecht; nach dem Frühstück an Bord der Lena Maria, eingenommen bereits um 8 Uhr morgens und deshalb (für mich) gewöhnungsbedürftig, setzte sich unser Schiff in Richtung Süden in Bewegung. In Nigtevecht, einem kleinen Ort an dem idyllischen Flüsschen Vecht, wurde die erwartungsfrohe Reisegruppe zur ersten Etappe der Radfahrt ausgebordet. Nur Helmut Kähler , ehemaliger Seemann und pensionierter Lotse, blieb zu postoperativer Rehabilitation und Kontrolle an Bord.

Die Poldermühlen in Kinderdijk
Foto: W. Sprenger

In der Hoffnung, dass sich der Regen in Grenzen hält und auch dass der Gegenwind nicht unerträglich wird, nahmen wir uns vor, in sechs Etappen die rund 300 km durch das südliche Holland und wieder zurück nach Amsterdam unbeschadet und mit „Spaß an der Freude“ zu überstehen. Erstes Tagesziel war Utrecht. Von dort aus ging es in weiteren fünf Etappen über Gouda, Schoonhoven, Kinderdijk, Rotterdam, Delft, Den Haag und das mondäne Seebad Scheveningen bis nach Leiden und Haarlem. Das Finale der Radtour führte uns am Freitag, den 11. September in den Norden von Amsterdam und schließlich zum Oosterdock, wo uns die Lena Maria für eine letzte Übernachtung erwartete.

Um es vorweg zu nehmen. Das Wetter hat uns nicht enttäuscht. Nach den vorausgegangenen regnerischenTagen fiel praktisch kein Tropfen mehr vom Himmel. Auch der für Holland typische Wind, oft aus Südwest – unserer Fahrtrichtung der ersten Tage– wehend, meinte es gnädig mit uns.

Ungewöhnliche Architektur: Kubushäuser in Rotterdam
Foto: W. Sprenger

Nach der Darstellung der Reiseroute nun einige Eindrücke von unserer Reise durch das ländliche wasserreiche Südholland mit seinen geschichtsträchtigen Städten, mit wunderschönen historischen Rathäusern, Bürgerhäusern und Kirchen. Kaum nachdem wir uns nach der Ausschiffung in Nigtevecht auf unsere Fahrräder begeben hatten, radelten wir gemächlich am idyllischen Flüsschen Vecht entlang in das ländliche Holland. Stießen dort nach wenigen Kilometern auf die für Holland typischen Windmühlen, hier primär für die Entwässerung errichtet. Kühe ohne Ende weideten auf sattgrünen Wiesen. Störche und Reiher suchten nach Fröschen. Ein friedvolles Bild. Auffällig die vielen herrschaftlichen und stilvollen Häuser. Die Niederländer müssen so manches „Goldenen Zeitalter“ erlebt haben. Die Kolonien werden ihren Beitrag dazu geleistet haben.

In den im weiteren Verlauf angesteuerten Städten Delft, Leiden, und Haarlem bummelten wir unmittelbar nach unserer Ankunft am mittleren Nachmittag oder nach dem Abendessen durch die Altstädte. Gingen andachtsvoll durch die zumeist gotischen Kirchen. Bewunderten in Gouda, der bekannten Käsestadt die „Goudse Gladzen in der Janskerk, jahrhundertalte farbige Glasfenster mit Bibelmotiven. Erfreuten uns am lebhaften Treiben rund um das prächtige gotische Stadthuis aus dem Jahre 1450 und um die „Waag“, ein 1668 errichteter Renaissancebau auf dem traditionellen Kaasmarkt.

Das „Foodwalhalla van Nederlande“ in Rotterdam
Foto: W. Sprenger

In Haarlem hat uns vor allem die das Stadtbild beherrschende gotische Kathedrale St. Bavo beeindruckt. Auf der prächtigen Orgel der Kirche sollen Georg Friedrich Händel und der 10-jährige Wolfgang Amadeus Mozart gespielt haben.

In Schoonhoven, unser Tagesziel nach Utrecht, soll die letzte Hexenverbrennung in den Niederlanden stattgefunden haben. Auf einer Tafel, eingelassen im Pflaster vor dem Stadthuis, ist zu lesen: “op deze plaats ward, volgens overlevering, Marrigje Ariens, ob 18. December 1591 na sen proces wegens hekserij gewurgd en verbrand“. Das ist auch ohne Übersetzung zu verstehen.

Ein überaus sehenswertes Zwischenziel auf dem Weg nach Rotterdam, Den Haag und Delft war das Örtchen Kinderdijk an der Mündung des Flüsschens Noord in den Lek. Vor 250 Jahren errichtet, haben Poldermühlen nur mit Hilfe von Windkraftein Gebiet in unmittelbarer Nähe von Rotterdam entwässert. 18 davon sind in gutem Zustand erhalten. Kinderdijk wurde der Titel „Weltkulturerbe“ verliehen.

Ein architektonisch faszinierendes Bild bietet die moderne Stadt Rotterdam. Nachdem die deutsche Luftwaffe im Mai 1940 bei einem Luftangriff fast die gesamte Altstadt vernichtet hat, wurde in den Nachkriegsjahren beim Wiederaufbau viel gewagt. Manches sehr originell, aber nicht immer wirklich funktional. Ein Beispiel die Kubuswohnungen des Architekten Piet Blom.

Träumen am Strand
Foto: H. Hielscher

Nicht zu übersehen die moderne Markthalle, auch als „food walhalla van Nederlande“ bezeichnet. Die die Marktfläche überwölbende Halle besteht außen aus Wohnungen. Die Innenfläche ist mit riesigen, knallig bunten Blumen- und Früchtemotiven ausgemalt. Ziemlich exzentrisch.

Die durch die kühn geschwungene, an Drahtseilen aufgehängte Erasmusbrug und die zahlreichen Hochhäuser geprägte Skyline hat Rotterdam den Titel „Manhattan an der Maas“ eingebracht.

Ein absolutes Muss in Delftwar die Besichtigung einer der Porzellanmanufakturen, für die Delft berühmt ist. Über Den Haag, Hauptstadt der Niederlande und Wohnsitz der königlichen Familie erreichten wir das mondäne Seebad Scheveningen. Dort angekommen träumten wir am Meer ein wenig in´s Blaue.

Aber es gab auch konkrete Dinge zu erledigen: Matjesheringe bändigten den Hunger. Eine Stärkung, die wir gut gebrauchen konnten für das schnelle Auf und Ab in der Dünenlandschaft nördlich von Scheveningen . Eine weitgehend naturbelassene Landschaft, wie ich sie in den dicht besiedelten Niederlanden nicht erwartet hatte und so hügelig, dass einige von uns bei vorgegebener schneller Fahrt ganz schön aus der Puste kamen.

Klogs ohne Ende
Foto: W. Sprenger

Der letzte auf dem Fahrrad sportlich verbrachte Tag führte uns zu einem Freilichtmuseum in Zaanse Schans am nördlichen Stadtrand von Amsterdam. Ein Museum, das, wie es im Reiseführer heißt, Einblicke in das ländliche Holland früherer Jahrhunderte gewährt. Hier kann man Handwerkern bei traditionellen Arbeiten zuschauen. Und natürlich auch bei der Herstellung der landestypischen Klogs. Wände und Decken der Werkstatt waren behängt mit Hunderten von Klogs. Von Ausführungen für den alltäglichen Gebrauch bis hin zu kunstvoll dekorierten Modellen für festliche Anlässe.

Der Parkplatz war voll von Autobussen. Konsequenz: Rummel.

Nach sechs Tagen auf dem Fahrrad endete die siebente Radtour mit Fischer-Tours mit einem sehr genüsslichen Abendessen an Bord der Lena Marie.

Aus wirklich begründetem Anlass richtete Hermann freundliche Dankesworte an Roeli, unsere tüchtige Reiseführerin. Ohne sie wären wir nicht so komplikationslos vom Start bis zum Ziel gefahren. Ohne sie hätten wir die vielen sehenswerten Plätze in den Städten nicht gefunden. Auch die Leistung der Schiffsmannschaftfand große Anerkennung. Wir haben uns auf der Lena Maria wirklich sehr wohlgefühlt.

Und last but not least würdigte der Skigruppenleiter die perfekte Ausrichtung der 7. Radreise von Fischer-Tours. Hermann und Ingrid wird sicher ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass alle Gruppenmitglieder am Sonnabendmorgen den Sausewindbus in Richtung Heimat unversehrt besteigen konnten. Lobend möchte ich dazu anmerken: Die raderfahrene Skigruppe und ihre ebenso erfahrene Gästegruppe aus der ländlichen Umgebung von Celle haben sich sehr diszipliniert verhalten. Weiterhin ist positiv anzumerken: Die Fahrradschläuche von Karin, Bernd und auch die meinigen haben anders als früher ohne Panne durchgehalten. Mein persönliches Resümee: Die Radtour durch den Süden von Holland war ein originelles und starkes Erlebnis. Das Land verfügt über ausgezeichnete Radwege mit vielen Knotenpunkten und einem Wegeziffernsystem. Beides macht es leicht, die vorgesehenen Ziele zu erreichen. In den geschichtsträchtigen Städten sind anders als in den vom Krieg verwüsteten Deutschland die alten baulichen Strukturen noch fast durchgehend erhalten: Prächtige Rat- und Bürgerhäuser, mittelalterliche Kirchen, belebte Marktplätze und nicht zu vergessen die die Städte durchziehenden Grachten. Auch das flache Land macht einen friedlichen und beruhigenden Eindruck. Nur eines ist kritisch anzumerken: die heimischen Radfahrer scheinen es immer sehr eilig zu haben. Man muss schon aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.

In sieben Tagen mit „Boat und Bike“ durch Holland: ein unvergessliches Erlebnis!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 17. November 2015