Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2013
Skigruppe

Von der Quelle zur Mündung

eine Radtour entlang der Ems

Eberhard Fay

„Von der Quelle zur Mündung“ – so könnte die lapidare Antwort auf die Frage lauten, wie weit wir gefahren sind. Von der Quelle zur Mündung – das charakterisiert aber auch in weiterem Sinne die Emsradtour der Skigruppe vom 7. bis 15. September: Quelle – das ist die Idee von Hermann, konkretisiert in aufwändiger Vorbereitungsarbeit gemeinsam mit Ingrid als „Fischer-Tours“, Begeisterung und gespannte Vorfreude weckend bei schließlich 24 gemeldeten Teilnehmern; Mündung steht für den Ausfluss der mit jedem Tag wie die uns begleitende Ems anwachsenden Summe von Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen in den Schatz bleibender Erinnerung eines jeden von uns. Doch der Reihe nach…

An der jungen Ems
An der jungen Ems!
Helmut Hielscher

Morgens am 7. September: Wir genießen die Fahrt mit dem Bus des uns vertrauten Reiseunternehmens „Sausewind“ nach Paderborn. Hermann geht durch den Gang, verteilt Unterlagen und gibt letzte Hinweise. Eine organisatorische Herausforderung – die kurzfristige Absage eines Teilnehmers – hat Fischer-Tours heute schon gemeistert. Von Hermanns Organisationstalent werden wir noch vielfach profitieren.

Derweil wandern unsere Blicke besorgt zum Himmel, der sich zunehmend verdüstert, und als uns der Bus in Paderborn entlässt, fallen bereits die ersten Tropfen, doch bleibt es bei einem kurzen Schauer. Mit voll bepackten Rädern kämpfen wir uns durch die dicht bevölkerte Fußgängerzone der Altstadt und gelangen zur Touristeninformation. Dank Hermanns Verhandlungsgeschick und Charme können wir unsere Räder im Innenhof gut gesichert abstellen und uns auf Stadtrundgang begeben: Bummel über den Wochenmarkt, Orgelmusik im Dom, dessen Baugeschichte von der Karolingerzeit bis ins Spätmittelalter reicht, Rathaus, Theologische Fakultät, prächtige Renaissancebauten, die von reichem kulturellem und religiösem Leben zeugen – aber dann ruft auch das moderne Paderborn mit dem Heinz-Nixdorf-Museumsforum zu einem Besuch: Entwicklung der Rechen- und Automatisierungstechnik dargestellt mit Exponaten in beeindruckender Fülle im größten Computermuseum der Welt.

Wir fahren aus Paderborn hinaus, entlang an Wasserläufen, die sich zu kleinen Seen erweitern, über denen Dunstschleier schweben, Parklandschaft, Schloss Neuhaus, Runde durch den Barockgarten, weiter durch Felder auf Wirtschaftswegen, wie wir sie noch oft befahren werden. Wir machen auch Bekanntschaft mit einer Eigenart unserer ansonsten steigungsarmen Tour: Beim Überqueren von Autostraßen und Eisenbahnen und Passieren von Brücken sind unvermittelt steile Böschungen zu bezwingen, wobei es zu Behinderungen, gar einem Sturz kommt – sofort spontane Hilfsbereitschaft, nichts Schlimmes passiert, weiter… Wir lernen im weiteren Verlauf, mit solchen Situationen in gegenseitigem Verständnis umzugehen.

Wir erreichen Hövelhof und das Hotel Victoria, unser erstes Etappenziel. Anders als bei früheren Radtouren hat Fischer-Tours die Auswahl und Buchung der Unterkünfte in die Hände der Emsland-Touristik gelegt So sind wir gespannt auf das Hotel und finden unsere Erwartungen, auch bei allen weiteren Unterkünften, voll erfüllt oder gar übertroffen.

Am Morgen strömender Regen, Gewitter, aber schon bald lässt der Regen nach und wir fahren zur Emsquelle. Sennelandschaft, Kiefernwald, unterbrochen von leuchtend rosa blühenden Heideflächen. Wo soll hier ein Fluss entspringen? Unvermittelt wechselt das Bild, Erlenwald, in dem sich eine tiefe Schlucht auftut. Wir sind am Ems-Informationszentrum, eine Treppe führt hinab in den dunkel-feuchten Grund, in dem wir, verborgen von moderndem Geäst, die Quelle entdecken.

Hier nun beginnt der Emsradweg, der uns, stets gut bezeichnet, durch Feld und Wald, später auf Deichen und Uferwegen, durch kleine und große Ortschaften, durch Gewerbe- und Industriegebiete nach Emden führen wird. Zunächst fällt die Ems in der Landschaft kaum auf, gleicht eher einem Entwässerungsgraben, wäre da nicht die Strömung, deren Richtung die sich sanft wiegenden und schwingenden Wasserpflanzen anzeigen. Doch schon bald, im Naturschutzgebiet „Steinhorster Becken“, bestimmt die Ems das Landschaftsbild; auf den Wasserflächen beobachten wir Enten, Gänse und Reiher.

Das Münsterland ist durch intensive Landwirtschaft geprägt. Charakteristisch sind die vielen Einzelgehöfte, umstanden von alten Eichen, die durchweg sehr gepflegt und liebevoll restauriert sind, mit prachtvoll bemaltem Fachwerk. Die Dächer sind oft bis zum Rand mit Solaranlagen bedeckt. Auch die Häuser in den Dörfern strahlen Wohlhabenheit aus. Auf den Feldern dominiert der Mais, Mais soweit das Auge reicht. Die dazugehörigen Biogasanlagen fehlen nicht. Oft fahren wir wie in Hohlwegen zwischen den Maisfeldern, die uns den Gegenwind abhalten, das Rascheln der Maisblätter ist ständige Begleitmusik. Dazwischen Wiesen mit Apfel-, Birn- und Zwetschenbäumen, deren Äste unter der Last der reifenden Früchte tief herabhängen. An den Flussufern blühen Goldrute und Springkraut, den Weg säumen Schneeball- und Hartriegelbüsche mit leuchtend roten und blauen Beeren.

In größeren Orten treibt die durchfließende Ems nicht nur Mühlen an, sondern dient auch zur Gestaltung von Promenaden und Parks, durch die unser Radweg führt. In Rietberg rasten wir in einem Gartenschaupark, bevor wir den malerischen Stadtkern mit wunderschönen Fachwerkhäusern bei den Klängen des Spielmannszuges der Feuerwehr bewundern, in einem urigen Café einkehren und in einem Atelier Kunstwerke aus Metallschrott bestaunen. Auch Wiedenbrück, unser Etappenziel, prunkt mit herrlichen Fachwerkhäusern und direkt an die Altstadt angrenzenden Parkanlagen um einen von der Ems gebildeten See. Mittendrin, im Ratskeller, ist unser Hotel. „Schauen, Schlemmen, Schlummern“ – so lautet der Werbespruch auf einem Faltblatt, und genau das tun wir in dieser Reihenfolge, wobei wir auf das Schlemmen nicht lange warten müssen, hat Hermann uns doch vorausschauend schon tags zuvor die Speisen auswählen lassen. Nur: Wer hatte was? „Hier ist noch eine Roulade offen!“ Ja, wer ist die offene Roulade? Sie hat eben mal kurz rausgehen müssen.

Wiedenbrück und Rheda, praktisch eine Stadt, aber zerschnitten durch Auto- und Eisenbahn. Dazwischen führt unser Radweg durch Flora-Westfaliapark kurzer Aufenthalt an einem Wasserschloss; eine eigenartige Situation, die wir öfter erleben: Idylle inmitten des Verkehrslärms und der Umtriebigkeit einer vitalen Wirtschaftsregion. – Die Ems wird breiter; während sich auf der Westseite flache Auen dehnen, treten von Osten Höhen heran, Sanddünen mit Kiefernwäldern. Wir passieren stillgelegte Sandgruben mit verfallenden Verladeeinrichtungen. Marienfelde: Spätromanische Zisterzienser-Basilika mit barocker Innenausstattung und Bemalung und imposanter Orgel. In Greffen finden wir endlich die ersehnte Einkaufsmöglichkeit; die sonnenbeschienene Mauer des blumengeschmückten Kirchhofs lädt zur Rast ein.

Mais, Mais und Regen
Mais, Mais und Regen
Helmut Hielscher

Immer häufiger sehen wir weidende Pferde, wir nähern uns der „Pferdestadt“ Warendorf. In der Nähe eines leider geschlossenen Biergartens finden wir einen Rastplatz mit einer blauen Pferdeskulptur. So eingestimmt erreichen wir durch Parkanlagen die Altstadt und dort den „Engel“, verweilen nur kurz, um dann zum Landgestüt zu gehen. Hier erfahren wir einiges über die Aufgaben des Gestüts und der dort beheimateten 200 Hengste, die wir bei der abendlichen Fütterung erleben und deren Fitness- und Wellnesseinrichtungen wir staunend besichtigen.

Am Morgen Regen, der gemäß Vorhersage den ganzen Tag anhalten wird. Von Kopf bis Fuß mit Regenzeug versehen nehmen wir unverzagt den Weiterweg in Angriff, Wege mit herabgewehten Zweigen übersät, in Waldstrecken holprig mit vielen Pfützen, an Steigungen vom Regen ausgewaschen. Obwohl der Wegvolle Konzentration erfordert, nehmen wir Besonderheiten am Wege nebenbei wahr: Ein Wasserschloss, schöne Höfe, einen Hofladen-Biergarten, leider geschlossen, die alte Überführung des Dortmund-Ems-Kanals über die Ems, jetzt ein technisches Denkmal. Ausrutscher an einer Kante, Sturz, durchhalten, weiter. Ein Kiosk bietet warme Getränke und etwas Regenschutz. Gimbte, ein Dorf mit sehenswerter Kirche und schönen Hofläden, alles verlassen, weiter. Hügeliges Gelände, an dem die Ems ein Steilufer bildet, noch anstrengender, die Reifen versinken in Sand und Schlamm. Sachsenhof Veltrup, eine rekonstruierte frühmittelalterliche Siedlung, bietet trockenen Standplatz unter reetgedeckten Dächern. Schließlich am Ziel dieser 70 km langen Etappe, Emsdetten, „Lindenhof“. Unsere Stimmung hebt sich merklich, nachdem wir unsere Räder und Hosenbeine mit Wasserspritzen vom Schmutz befreien konnten und feststellen, dass die Heizungen in den luxuriösen Zimmern funktionieren, gar Fußheizung im Bad, kein Problem also, die nassen Kleidungsstücke trocken zu bekommen. Schauen entfällt, umso mehr ist Schlemmen in erleichtert-froher Runde angesagt.

Wieder Regen, Anlegen des Regenzeugs auf freier Strecke. Mitleidig-freundliches Grüßen der wenigen Menschen, denen wir begegnen. Rheine, bedeutender Industrieort und Eisenbahnknotenpunkt, grau in strömendem Regen. Wir erklimmen einen Bahndamm und überqueren die Ems, hier mittlerweile ein breiter Schiffahrtsweg, hoch oben auf einem schmalen Weg neben den Eisenbahngleisen. Drüben hinab, ein Stück am Fluss entlang zur Altstadt. Zeugnisse des Wiederaufbaus dieser im Krieg total zerstörten Stadt: Gotische Hallenkirche mit schönen neuen Fenstern, Gebäudeensemble am Marktplatz. Eine schnelle Tasse Kaffee, weiter. Großzügige Sportplätze in den Emsanlagen, Schloss Bentlage, herrliche Parks und Alleen.

Unter dem Blätterdach eines Waldes malt die hervorbrechende Sonne zaghaft helle Flecke auf den Weg; das Wetter wird besser. Seitentäler, in die wir rasant hinein und etwas mühsam wieder heraus fahren. Einen Mais-Irrgarten lassen wir links liegen, Hermann verzichtet auf die Gelegenheit, die Anzahl der Teilnehmer zu reduzieren. Überraschung in Emsbüren: „Enkings Mühle“, eine Windmühle in Familienbesitz, historisch getreu und liebevoll restauriert, in der Roggen zu Schrot gemahlen wird, aus dem in der angrenzenden Bäckerei Pumpernickel hergestellt wird. Kostproben, Kaffee und leckere Pumpernickeltorte – so sind wir schnell wieder mental aufgerichtet. Lingen grüßt von weitem mit dem riesigen Kühlturm des Kernkraftwerkes. Wir passieren eine große Schleuse an der Vereinigung von Ems und Dortmund-Ems-Kanal, schlängeln uns zwischen Kraftwerk und einem Stahlwerk durch ein Gewirr von Straßen und Eisenbahnlinien und erreichen den „Märchenwald“ in Lingen.

Lingen – Lathen – Papenburg: Zwei Tagesetappen mit schönem Wetter. Morgennebel, in der Sonne funkelnde taufeuchte Wiesen und silbrig glänzende Spinnengewebe, hinter einer Baumreihe ein ferner Kirchturm im Dunst. Ein hoher Damm baut sich vor uns auf, oben blicken wir auf einen riesigen Speichersee, ein Paradies für Wasservögel, deren keilförmige Bugwellen im Gegenlicht ein grafisch anmutendes Muster in die gleißend-glatte Wasseroberfläche zeichnen.

Ein Hof in Dalum entpuppt sich als das Hüttenhotel, in dem Fischer-Tours bei der Vorbereitung genächtigt haben; kleine ZweiBett-Hütten sind weitläufig im Gelände verteilt. Idyllischer Rastplatz an der Ems, die abseits des Kanals in vielen Windungen die Aue durchfließt. Meppen: Kaffee vor der historischen Kulisse des Marktplatzes. Vorbei an Schleusen und Hafenanlagen bei Hüntel. Eine Reifenpanne. Hermann bleibt bei der Helfergruppe, Ingrid fährt mit dem Rest voraus nach Haren, dessen St.-Martinus-Kirche, der „EmslandDom“ mit wuchtigem Turm von weitem grüßt. Warten bei Kaffee und Eis auf die PannenGruppe, die wegen eines Hafenneubaus einen weiten Umweg fahren musste. Gewaltige Hafengebäude, „größtes Gemälde der Welt“ auf dem Kühlturm eines stillgelegten Kraftwerks, Idylle auf einer Insel zwischen Ems und Kanal.

Glücklich am Ziel
Glücklich am Ziel
Helmut Hielscher

Uferweg oder Asphaltstraße? – Hinter Lathen teilt sich die Gruppe. Mit Ingrid genussvolles zügiges Fahren auf herrlich glattem Asphalt, alte Emsarme mit Wasservögeln, ein Kranichpaar auf einer frisch gemähten Wiese – weiter auf der Ostseite der Ems. Eisenbahnen, Autostraßen – wir erreichen Papenburg am späten Vormittag, checken ein, fahren ins Zentrum und finden ein schönes Plätzchen zum Mittagessen am Kanal, der Hauptverkehrsader, mit vielen Zugbrücken und alten Schiffen, Zeugnissen reger traditioneller Schiffbautätigkeit. Deren hochmoderne Form lernen wir bei der Besichtigung der Meyer-Werft kennen, hinlänglich bekannt als Hersteller riesiger Kreuzfahrtschiffe. Es ist zutiefst beeindruckend, die gewaltigen Ausmaße dieser Schiffe und der Halle, in der sie gebaut werden, aus der Nähe zu erleben und von der engagierten Führerin viel über die Fertigungsmethoden und die dahinter stehende ausgeklügelte Logistik zu erfahren, auch über den Stolz der Mitarbeiter.

Papenburg – Emden, letzte Etappe, leider wieder im Regen. Vorbei an der Meyer-Werft, jetzt grau hinter Regenschleiern. Die Landschaft lässt die Nähe der See ahnen: Baumloses Marschland, Viehweiden. Wir fahren auf einer Asphaltstraße hinter dem Deich, immerhin mit Rückenwind. In Leer erwartet uns eine Überraschung: Freunde von Gerti und Helmut empfangen uns auf einem überdachten Platz neben dem Rathaus. Triefend nass lassen wir uns durch ihre Heimatstadt führen: Rathaus im Stil der holländischen Renaissance, Waage, Weinhandelshaus aus dem 17. Jahrhundert, Stammhaus der Teefirma Bünting, reformierte Kirche…Nach herzlichem Dank geht es weiter, jetzt links der Ems, immer auf der deichbegleitenden Straße, Schafweide an Schafweide, durch Tore getrennt, die wir auf engem Durchschlupf umfahren müssen, ein Sturz, Regen, die Straße übersät vom Kot der Schafe. Erleichtert erreichen wir die Fähre nach Petkum. Dort stärken wir uns im „Café Kuhstall“ mit heißen Getränken und riesigen Tortenstücken. Die allerletzten Kilometer werden uns allerdings durch Bauarbeiten verleidet, die uns zu Umwegen durch schlammiges Gelände zwingen und das Auffinden des offiziellen Endpunktes des Emsradweges erschweren. Hermann findet aber den Weg dorthin, wir feiern Ingrid und ihn und uns selbst, müssen aber noch zum Hotel fahren, bei Regen und im Stadtverkehr keine leichte Aufgabe. Erschöpft, aber glücklich erreichen wir unsere letzte Unterkunft, 444 km sind wir gefahren. Beim Abendessen wird Ingrid und Hermann gebührend gedankt für gute Vorbereitung, Organisation und Führung. Besinnlicher Abschluss: Rundgang in Emden, Kunsthalle, Museum, Rückfahrt mit Sausewind.

Es bleiben Erinnerungen an Natur und Agrarlandschaften, an idyllische Städtchen und Industrielandschaften, es bleiben neue Erkenntnisse und Erfahrungen, rückblickende Freude an sonnigen Tagen und genussvollem Radfahren, Genugtuung über die Annahme von Herausforderungen, es bleibt das Erlebnis der Gemeinschaft und hilfsbereiter Kameradschaft.

Dank an Hermann und Ingrid, Dank an alle!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 19. November 2013