Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2012
Skigruppe

Ist Norwegen noch schneesicher?

Die Skigruppe probiert's aus.

Eberhard Fay

„Nach Norwegen? Wollt ihr dort Ski laufen?“ – „Ja, was denn sonst!“ ist man geneigt, auf diese naive Frage eines Bekannten nach dem Urlaubsziel zu antworten. Unser Ziel Venabu, 65 km nördlich von Lillehammer, 930 m ü. NN in Sichtweite des Rondane-Gebirges gelegen, ist während unseres dort geplanten Aufenthaltes – 4. bis 19. März 2012 – doch gar nicht anders als tief verschneit bei eisigen Minusgraden vorstellbar…

Morgens am 5. März: Unser Fährschiff von Kiel nähert sich dem im Dunst verschwimmenden Häusermeer von Oslo. An Deck spüren wir zwar die Kälte dieses Wintermorgens, aber unser hinauf zum Holmenkollen schweifender Blick entdeckt selbst dort nur wenig Schnee. Viel mehr sehen wir von Oslo nicht, denn kaum hat sich unser „Sausewind“-Bus in Bewegung gesetzt, verschwindet er in einem Tunnel, an dessen Ende wir Oslo hinter uns gelassen haben. Wir werden vom Chef höchstpersönlich gefahren, der eine freudige Überraschung parat hat: Die gute Auslastung des Busses erlaubt die Reduzierung des Reisepreises um 30 € je Person, die die charmante Reisebegleiterin sogleich auszahlt. Wir teilen uns den Bus mit dem „Norge Skihaufen“. Wir erfahren, dass diese Gruppe seit vielen Jahren nach Norwegen fährt, auch schon oft in Venabu war und sich dort auskennt. Ihr Leiter versucht, unsere angesichts des frühlingshaften Wetters und vieler schneefreier Flächen aufkommende Skepsis mit der Versicherung zu zerstreuen, unterwegsdass in Venabu ganz gewiss genug Schnee liegen werde.

Nach einem Zwischenstopp in Lillehammer geht es im Gudbrandstal weiter nordwärts. Bei Ringebu verlassen wir das Tal und gewinnen schnell an Höhe. Nach Überquerung eines Bergrückens erblicken wir das auf einer Anhöhe liegende Hotel; die flache Mulde dazwischen ist mit schütterem Birken- und Fichtenwald bedeckt. Zwischen höheren baumlosen Bergrücken im Norden leuchten die fernen Gipfel des Rondane-Gebirges in makellosem Weiß.

Am Hotel gilt es, Gepäck und Ski zügig auszuladen, denn der Bus fährt mit einem Teil des „Skihaufens“ noch weiter. Nur nichts vergessen, nur nichts verwechseln! - Das seit 60 Jahren bestehende Hotel wird von dem Ehepaar Lars und Halldis Tvete als Familienbetrieb geführt. Halldis begrüßt uns sehr herzlich und lädt uns sogleich in den Speisesaal ein, wo das Mittagsbuffet bis zu unserer Ankunft noch bereitgehalten wurde. So fühlen wir uns sofort willkommen und erhalten einen ersten Eindruck von der herzlichen und unaufgesetzten Gastfreundschaft der Familie Tvete, der sich an den folgenden Tagen immer wieder bestätigen und am Schluss zu der einmütigen Feststellung führen wird, dass dies das beste Hotel war, das wir in Norwegen hatten.

Wir beziehen unsere Zimmer – einfach, aber zweckmäßig ausgestattet -, freuen uns über den großen Aufenthaltsraum mit bequemen Sitzmöbeln, finden den Weg zum „Skistall“, der zum Glück kein Stall ist, sondern ein Raum im Inneren des Hotels, in dem die Ski wohlgeordnet nach Zimmernummern umfall- und verwechslungssicher abgestellt werden können, und sind angetan von dem großen, mit allem notwendigen Gerät ausgestatteten Wachsraum.

Bis zum Abendessen ist noch Zeit für Erkundungsgänge in die Umgebung. Dabei werden wir uns plötzlich der hier herrschenden Stille bewusst; nicht mehr die monotone Geräuschkulisse auf dem Schiff und im Bus, nur Stille und Weite, während sich der Abend niedersenkt, die fernen Berge mit den Wolken verschwimmen und der tagsüber weich gewordene Schnee wieder zu gefrieren beginnt. – Das reichhaltige Abendbuffet, Halldis’ einleitende Willkommensworte in deutscher Sprache, die freundliche und rührige Bedienung geben uns die Gewissheit, hier gut aufgehoben zu sein.

Am Morgen finden sich schon vor dem Frühstück ein paar eifrige im Wachsraum ein und machen mit weiteren bemerkenswerten Serviceleistungen des Hotels Bekanntschaft: Der „Loipenmanager“ notiert auf einem Loipenplan die Morgentemperatur (heute -7 °C) und kennzeichnet die Loipen, die frisch gespurt sind oder werden; über GPS ist er über die Position der Spurgeräte ständig informiert. Außerdem gibt er eine Wachsempfehlung. Erleichtert stellen wir fest, dass einige Loipen gespurt werden. Der Schnee ist grobkörnig-eisig, Klister mit Hartwachs abgedeckt wäre angesagt, aber die meisten greifen lieber zum Schuppenski. Dem Aufbruch geht die tägliche obligatorische Skigymnastik voraus. Gertis Schwester Ingrid aus München, mit Ehemann Jon, einem gebürtigen Norweger, wieder dabei, versteht es, unsere Glieder gelenkig und Muskeln warm zu machen.

Am Flaksjöen
Am Flaksjöen
Foto: Helmut Hielscher

Wir laufen in der frisch gespurten Loipe nordwärts den hohen Bergen entgegen, erreichen die Trollloipe, einen Ski-Fernwanderweg vom Rondane-Nationalpark bis Lillehammer, fahren ab zu der Ansiedlung Spidsbergseter, laufen entlang eines größeren Sees (Flaksjöen) zu einem Aussichts- und Rastpunkt, an dem sich Wege und Geister scheiden. Einige nehmen den weiteren Weg hinauf in die „weißen Berge“ – wie Dagmar sie später nennt – in Angriff und erzählen hinterher von rasanten Abfahrten, der Rest begibt sich auf anderem Wege zurück ins Hotel. So haben wir bei herrlichem Wetter und guter Fernsicht einen schönen ersten Eindruck von unserem Skigebiet gewonnen. Alle sind auch rechtzeitig zurück, um am Fernseher die Biathlon-WM in Ruhpolding zu verfolgen, gemeinsam zu jubeln und gemeinsam aufzustöhnen – auch ein Gemeinschaft stiftendes Erlebnis!

Eine sich verdichtende Föhnbewölkung kündigt einen Wetterumschwung an. Tatsächlich herrscht am nächsten Morgen dichter Nebel, an den Bäumen hat sich Raureif gebildet, ein Sturm kommt auf. Gespurte Loipen sind heute nur in den geschützten Waldgebieten zu erwarten. Das „Südgelände“ wird daher angesteuert, aber auch die Spuren dorthin sind verweht und schwer zu finden. Der Chronist gibt wegen total verwachster Ski auf und läuft zurück. Läuft? – Es ist ein mühsames Gestochere bei diffusem Licht und kaum erkennbaren Spuren.

Am Abend gibt es wie jeden Mittwoch ein „Norwegisches Buffet“, dessen Bestandteile Halldis vorweg in ihrer liebenswerten Art erläutert. Neben Köstlichkeiten wie Bärenschinken, Elch- und Rentierfleisch gibt es traditionelle Gerichte wie Kohlsuppe und Gerstenmehlbrei, die in alten Zeiten als Grundnahrungsmittel dienten, aber auch köstlichen Sauerrahmbrei, den es nur zu Festen gab, natürlich auch diverse Fischgerichte, alles sehr schmackhaft zubereitet und mit leckeren Waldbeerensoßen verfeinert.

Im Schneesturm
Im Schneesturm
Foto: Helmut Hielscher

Auf den Neuschnee folgen ein paar Tage mit guten Schneeverhältnissen, vor allem in den bewaldeten Gebieten, wo der Schnee nicht weggeweht ist. Die „Trimmloipe“, eine 7-km-Schleife in Hotelnähe, bietet Genussskilauf, auch die Loipen im „Südgelände“ werden erkundet. Ein Fernziel, die große Nordrunde über das Svartfjell mit steilen Anstiegen und Abfahrten, wird in Angriff genommen. Morgens -5 °C, klare Sicht, weiß leuchtende Rondaneberge in der Ferne, gut gespurte Loipen, optimale Bedingungen. Vom Fuß des Svartfjells läuft eine kleine Gruppe auf anderem Wege zurück. Sehr schnell zieht eine bedrohlich dunkle Wolkenwand auf, die Teepause wird hastig beendet, es beginnt zu schneien und kurze Zeit später bricht der Schneesturm über uns herein. Der Wind braust in den Birken, reißt lange Flechtenfahnen von den Zweigen und treibt sie über den Schnee vor uns her. Wir sind froh, als wir das Hotel erreichen.

Wie mag es den anderen ergehen? - Denen hat der Schneesturm an schwierigen Passagen sehr zu schaffen gemacht, es gab Stürze, ein Handschuh ist weggeflogen, aber schließlich sind alle wohlbehalten zurück. Nach dem Schneesturm klart es schnell wieder auf, eine warme Sonne verwandelt den Schneebehang an den Birken zu Tausenden von blinkenden Wassertröpfchen, der Sturm saugt Schneefahnen von den Bergkuppen, Schneewehen, die sich hinter jedem noch so kleinen Hindernis gebildet haben, erzeugen in der tiefstehenden Sonne ein Streifenmuster aus Licht und Schatten. Am späten Abend hören wir, dass ein Nordlicht zu sehen sei. Wir eilen nach draußen. Der Nordhimmel ist von einem grün-gelben Schleier in wechselnder Intensität überzogen, zusammen mit den in seltener Pracht funkelnden Sternen ein beeindruckender Anblick.

Zu Fuß auf eisiger Loipe
Zu Fuß auf eisiger Loipe
Foto: Eberhard Fay

In der zweiten Woche gibt es keinen Niederschlag mehr, tagsüber ist es warm, nachts unter 0 °C, der Schnee ist morgens knüppelhart und wird später weich und nass. Aber jeder versucht, mit diesen schwierigen Verhältnissen klarzukommen, sei es im Extremfall mit Klister auf Schuppenski oder – zu Fuß! So begibt sich der Chronist mit Spikes unter den Wanderschuhen zum Veslefjell und erlebt einen schönen Tag in der Einsamkeit mit herrlichen Ausblicken über das walddunkle Gudbrandstal zu hohen Bergen, die mal blaugrau mit den Wolken verschmelzen, dann wieder sich gleißend weiß vom blauen Himmel abheben.

Bleibt man im Hotel, erlebt man, wie die Gruppen nach und nach zurückkehren, blickt in erschöpfte, aber glückliche Gesichter und hört die begeisterten Schilderungen von herrlichen Fernsichten und „geilen“ Abfahrten, von Touren zu den „weißen Bergen“, die nicht mehr weiß sind, sondern viele braune Stellen aufweisen. Viel ließe sich noch erzählen von abendlichen Lichtbildervorträgen über Spitzbergen und Antarktis, von Halldis mit Fotos von Blumen ihrer Heimat, von Lars über die Schönheit der Umgebung von Venabu im Sommer, auch von Helmut über seinen Aufenthalt auf der Alp Panära in der Schweiz, wo Dagmar im Sommer als Kuhhirtin arbeitet, von einer Fahrt zur 800 Jahre alten Stabkirche in Ringebu, vom Besuch eines Musiker-Quartetts, die Halldis zum Tanzen nach norwegischer Volksmusik animierten, von manchem netten Abend. Beim Abschiedsabend, der mit Sketchen, Lesungen, einem Resumee in Gedichtform, Zaubertricks und viel Mitgebrachtem unterhaltsam gestaltet wird, stellt Helmut zusammenfassend fest, dass wir noch nie ein so gutes Hotel und so schlechten Schnee hatten, aber auch, dass wir eine sehr harmonische Gemeinschaft waren und das beste aus den Verhältnissen gemacht haben; die täglichen Touren gingen über Strecken von 15 bis 25 km. Walter dankt unter dem Beifall aller Helmut und Gerti für die Organisation und Ingrid R. für die tägliche Gymnastik. Hermann hat ein Loblied auf Halldis gedichtet; es endet: „Und ist es das nächste Mal wieder so windig, bin ich mit dem Wetter ganz leicht zu versöhnen: Ich lass mich im Haus vom Hotel-Team verwöhnen!“

Am Morgen der Abreise werden wir von Halldis und Lars und ihrem Team herzlich verabschiedet. Wir sagen bewusst „Auf Wiedersehen“ und können uns gut vorstellen wiederzukommen. Und der Schnee? Nehmen wir mal an, dass dies nur ein „Ausreißer“ in der Statistik war.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 10. Juni 2012