Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2012
Skigruppe

Berge einmal anders erleben:

Die Skigruppe auf einer Hütealp

Heinz Baaske

Im Oktober 2010 hielt unsere Skikameradin Dagmar Scharf im Rahmen eines Gruppenabends einen Diavortrag über das Leben einer Hirtin auf der Panära Alp in der Schweiz. Dagmar verbringt jedes Jahr bis zu einem Vierteljahr auf dieser Alp. Wir waren von ihrem Vortrag sehr beeindruckt. Sie bot uns an, mal eine Woche mit ihr und ihrem Mann Dirk auf der Alp zu verbringen, um das Leben auf einer Alp kennenzulernen.

Hoch hinaus muss man schon, wenn man mit dabei sein möchte. Mitte Juni 2011 war es dann so weit; leider hatten sich nur Helmut und ich für dieses Abenteuer gemeldet!!!

Auf 2011 Höhenmeter liegt nun diese Alp. Wir fuhren durch den Pfändertunnel nach Feldkirch, durch Liechtenstein nach Bad Ragatz. Hier verlässt man das Rheintal und gelangt ins Taminatal, um über Vätis den langen Schlauch ins so gut wie gar nicht touristisch erschlossene Calfeisental zum Gigerwaldstausee zu gelangen. Unser Auto wird am Wegrand eingeparkt und auf geht`s!!!!

Panära Alp mit „Lena“
Panära Alp mit „Lena“
Foto: Helmut Hielscher

Wir sind schon sehr spät dran. Dagmar und Dirk ist der steile Aufstieg vertraut und so nehmen wir die 650 Höhenmeter Fußmarsch bei regnerischem Wetter in Angriff und kommen bei wirklich letztem Büchsenlicht auf der Alp an, denn dieser kleine Funke Solarlicht in der Ferne entpuppt sich schließlich als die Panära Alp.

Wir sind nicht auf einem anderen Stern angekommen, sondern werden wie Freunde von Kurt begrüßt; ihm gehört die Alp und sogar 1/3 des Ringelspitz, mit 3247 m höchster Berg der Umgebung. Ein netter Plausch beim späten Abendbrot (Grießbrei von Kurt selbst zubereitet) beschließt unsere Runde in der „guten Stube“ nach diesem anstrengenden Tag. Der nächste Morgen sowie auch die folgenden Tage geben uns den Blick frei und zeigen uns, in welch einmaliger noch unberührter Bergwelt wir da gelandet sind. Von den gegenüberliegenden recht steilen Felswänden stürzen unzählige Wasserfälle und –läufe ins Moränental unterhalb der Alp. Die letzten Schneefelder hängen noch in den Rinnen und irgendwann poltert es einmal, wenn so ein Stück abbricht. Teilweise können wir dieses Naturschauspiel von unserem kleinen Giebelfenster aus dem Schlafraum beobachten. Unser Zimmer ist ganz in Holz gehalten. Vom Heuboden führt eine etwas steile Holztreppe in die ehemaligen Stallungen hinunter, die jetzt als Vorratsraum genutzt werden (Zaunmaterial, Gerätschaften, auch für Brennholz muss gesorgt werden).

Weiter führt der Weg in die ehemalige Käserei, das Herzstück der Alp; heute als Küche genutzt. Hier wird auf dem Herd gezaubert.

Fürwahr, Dagmar und Dirk beherrschen so viele Tricks, was aus einem Herd mit Ringen (wie früher) herauszuholen ist: leckeres Rindsgulasch, Toast auf der Herdplatte, ausgerollter Hefeteig in der Pfanne, köstlich auf Zigeunerart eingelegtes Rindfleisch und natürlich der herrliche Grießbrei aus frisch gemolkener Kuhmilch.

Panära ist zwar keine Sennalp wie früher einmal, trotzdem bestimmt die Milchkuh „Lena“, wann die Nacht zu Ende ist. Lena will nämlich gemolken werden und bimmelt schon vor 6 Uhr; aber dann ist Dagmar schon mit ihrem Melkeimer unterwegs. Man staune, bis 14 l Milch sind es täglich. Doch letztendlich profitieren wir alle davon. Jeden Tag frische Milch (wo gibt’s das sonst) und immer wieder den leckeren Quark, natürlich von Dagmar und Dirk selbst zubereitet, eine kleine Wissenschaft für sich.

Dagmar bei jedem Wetter unterwegs
Dagmar bei jedem Wetter unterwegs
Foto: Helmut Hielscher

Überall benötigen wir und die Tiere frisches Wasser, auch zur Quarkherstellung braucht Dagmar es; eiskalt kommt es von der gegenüberliegenden Felswand aus annähernd 2600 m Höhe. An einem über das Tal zur Alp gespannten Stahlseil hängt die Wasserleitung (ein Wasserschlauch)! Die Gefällstrecke regelt den natürlichen Wasserdruck; ich finde, das ist genial!

Schon der erste Eindruck lässt erkennen, Panära ist eine steile teilweise auch sehr steil abfallende Alp, an den Rändern mit Erlengestrüpp, hohen Farnen und Lärchen durchwachsen. Überall Panära-Lärchen-Bestände, sie prägen unten das Landschaftsbild mit.

Die Alp braucht 25 km Zäune, um die Beweidung zu regeln, und damit die Tiere (Mutterkühe mit ihren Kälbern) vor dem Absturz über die zerklüfteten Felsbänder zu schützen. Es ist Rätisches Grauvieh. Diese kleinen robusten Tiere eignen sich durch ihre Anspruchslosigkeit besonders zur Nutzung von Weiden in Berggebieten und dadurch auch der Panära Alp. Jetzt haben wir „unsere“ Alp ein wenig kennengelernt; doch wie ist es uns ergangen? Wollten wir faulenzen, in die Berge steigen oder durften wir auch ein wenig mithelfen. Ja, wir durften und das ist so schön, mit einbezogen zu werden.

Helmut hat es ´mal ganz locker in seiner Tagesnotiz festgehalten: „8.00 Uhr Frühstück; Arbeitseinsatz wird mit Dagmar und Dirk besprochen; Temperatur 6° C, bewölkt mit freien Stellen; Dirk, Heinz und ich kontrollieren und reparieren Zäune im Wäldli; Berge bis 3000 m – teilweise mit Schnee –, wir stellen Elektrozäune wieder auf; bauen mehrere hundert Meter Zaun ab!! Ab Mittag dürfen wir schon allein ran, Dirk geht entgegengesetzt herum, wir entfernen viel Farn, sehr steil, müssen aufpassen. Wir treffen Dirk im Wäldli, zählen die Kühe und geben ihnen Salz zu lecken, sie sind ganz wild danach. Auf dem Rückweg Regen, gehen ohne Anorak!! so oder so nass. Dagmar hat leckeres Gulasch zubereitet.“ Ja, das war ein Ausschnitt eines Tages.

Gut ausgeschlafen starten wir in den nächsten Tag, ein blauer Himmel lädt zum Frühstück vor der Sennhütte ein. Am Nachmittag geht Dagmar mit uns auf die untere Alp, „Schupfen“ wird sie genannt. Hier weiden Mutterkühe, teilweise mit ihren Kälbern (ca. 50 bis 60 Tiere) und sollen gezählt werden. Das ist für uns eine ganz spannende Angelegenheit! Da alle Tiere so gerne an dieses Salz gelangen möchten und auch Dagmar schon in ihrer typischen Hirtenkleidung erkannt haben, werden wir manchmal fast überrannt. Ganz nebenbei merkt sich Dagmar, wenn die Kühe das Salz aus der Hand schlecken, die am Ohrclip gestanzte Nummer und hakt diese auf einer Liste ab. Wir stellen fest, eine Hirtin hat nur dann den Kopf frei, wenn sie auch weiß, dass alle Tiere anwesend und auch gesund sind.

Kurt hat uns am Donnerstag besucht und wir erfahren so ganz nebenbei: unsere liebe Dagmar hat heut‘ Geburtstag. Doch zunächst wird es ein „Arbeitstag“. Kurt möchte gerne zur Stängensäsli- Hütte und wieder hoch zäunen! Helmut und ich dürfen von der Hütte (hier wurde ausgiebig Mittagsrast auf Schweizer Art gehalten) nach oben bis zum Wasserfall an vorhandenen Pfählen die Leitung legen. Diese Landschaft ist schon beeindruckend; seitlich am wunderbaren Wasserfall liegt noch ein langes Schneebrett und lässt den Winter nicht vergessen. Wir genießen wirklich alles in vollen Zügen.

Auf der Alp hatten wir schon vorgesorgt und schwarze Wassersäcke in die Sonne gelegt; wir möchten nämlich „duschen“… nicht nur, weil Dagmar Geburtstag hat! „Zehn Minuten vor 18 Uhr“ bringt Helmut den Küchenherd zum Flammen. Aus der „guten Stube“ bietet sich wieder eine herrliche Fernsicht. Gar nicht zu beschreiben, das Geburtstagsmahl - von Dagmar zubereitet – und der erste Schluck Wein auf der Alp. Für den Tagesausklang hat Helmut nur noch vermerkt: Sehr müde, früh ins Bett. Es gäb‘ noch über unendlich viele Dinge zu berichten, vor allem, wenn in steilen Hanglagen eingezäunt werden muss, Drahtrollen eingehakt, Pfähle geschultert und hoch getragen werden müssen. Auch hier ist eine Wasserversorgung unerlässlich, daumendick ist ein Kunststoffschlauch knapp unter der Erdoberfläche verlegt und führt zur Tränke-Stelle. Hier steckt schon im Vorfeld eine Menge Arbeit drin, alles muss auch immer wieder kontrolliert werden.

Es waren nur 6 Tage; aber in dieser Zeit haben wir schon viel erfahren, mit welch einem Aufwand so eine Rinderalp versorgt werden muss. Dagmar und Dirk stecken sehr viel Idealismus und Herzblut in diese Arbeit. Für uns war es ein großartiges Erlebnis. Helmut und ich sagen „Dankeschön“.

Ein ganz besonderer Dank geht auch an Kurt und seine Frau Marlis, dass wir auf ihrer Alp Panära sein durften.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. Februar 2012