Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2011
Skigruppe

Kulturwandern

Skigruppenreise nach Krakau, in die Zips und Hohe Tatra sowie nach Bratislava

Doris von Gramatzki

Wir sind 16 Reisende der Skigruppe des AV Braunschweig, alle jenseits der 50 und zum Teil sogar weit darüber. Als Kulturwanderer wollen wir hauptsächlich nach dem Programm des Herrn Dr. Erwin Aschenbrenner in Absprache mit unserem Skigruppenleiter Helmut Hielscher die Region der Zips und der Hohen Tatra kennen lernen. Dazu kommen als Glücksfall unsere beiden bestens eingespielten Reiseleiter, laut vorheriger Ankündigung „der charmante Juray und die frohsinnige Karolina“.

Die Reiseteilnehmer
Die Reiseteilnehmer
Foto: Helmut Hielscher

Dr. Juray Žary (60 J.) ist ein Kunst- und Kulturhistoriker aus Bratislava und Karolina Korvakova (32 J.) ergänzt ihn kompetent in allen lebenspraktischen Fragen als zusätzliche Begleiterin. Beiden ist es vom ersten Tag an gelungen, uns zu begeistern und uns sachkundig über die Geschichte der Slowakei und ihrer Kultur, aber auch über Probleme des Landes, z. B. die Eingliederung der Roma zu informieren.

Zur Gastfreundschaft in der Slowakei gehört der Schnaps dazu. So wurden wir bereits an unserem ersten Abend von Juray mit fröhlicher Mundharmonika- Musik und von Karolina mit Bukatschka begrüßt.

Haben Sie schon einmal Bukatschka genossen? Das ist ein Wachholderbrand mit Sprudel dazu, ineinem kleinen hohen Schnapsglas zwischen beiden Händen kräftig geschüttelt und dann mit einem lauten Plopp möglichst restlos und ohne Spuren blitzschnell in den Mund gestürzt. – Schwierig! Das muss geübt werden. Bereits beim Kennenlernen kommt Heiterkeit auf. Und dieses Gefühl der unbeschwerten Fröhlichkeit und Lebenslust begleitet uns die nächsten acht Tage, gepaart mit sachkundiger Information und freundlicher Hilfe jeder Art.

Begonnen hatte unsere Reise drei Tage vorher, am Donnerstag, dem 15. September. Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir mit der wie fast immer unpünktlichen Bahn von Braunschweig aus als Gruppe über Berlin und Warschau zunächst nach Krakau. Dort stießen unsere vier Autofahrer dazu. Am Freitag und Samstagvormittag verzauberte uns die charmante Frau Dudek als perfekte, alles wissende Stadtführerin. Sie machte uns mit den Hauptsehenswürdigkeiten Krakaus und dem Lebensgefühl der jüngeren Polen vertraut. Krakau ist eine lebendige, wenig zerstörte alte Stadt im Aufbruch, meist gut restauriert und mit hervorragenden Bildungseinrichtungen und vielen ansprechenden Geschäften. Überall auf den Straßen der Innenstadt fielen uns sehr attraktive, modisch gekleidete junge Menschen und häufig hoch beabsatzte junge Frauen auf. Braunschweigerinnen wirken dagegen im Vergleich eher etwas hausbacken. Entschuldigung, betrifft mich aber auch. Unsere Besichtigung begann im jüdischen Stadtteil Kazimierz und führte uns gegen Mittag in die Altstadt zum belebten, großen mittelalterlichen Hauptmarkt mit den Tuchhallen und dem Wahrzeichen der Stadt, der Marienkirche. Die Hauptsehenswürdigkeit darin ist ein prächtiger, spätgotischer Flügelaltar des Nürnberger Bildhauers und Holzschnitzers Veit Stoß, den er in den Jahren 1477 bis 1489 errichtete. Man sagt, dass die lebendigen Gesichtszüge seiner aus Lindenholz geschnitzten Figuren den Krakauer Bürgern nachempfunden sein sollen.

Schnitzkunst des Meister Paul
Schnitzkunst des Meister Paul
Foto: Doris von Gramatzki

Ähnliche Lebendigkeit im Ausdruck fanden wir dann einige Tage später beim Kulturwandern in der Zips in den vielen Arbeiten des Meisters Paul aus Levoca ( 1455 – etwa 1540 ). Experten stellen ihn mit Veit Stoß auf eine Stufe. Die herausragenden Werke des berühmten Holzschnitzers sind in der Region der Zips in vielen Orten zu finden. Wir bewunderten sie an den folgenden Tagen u. a. in der Jakobskirche in Levoca mit dem weltweit höchsten gotischen Flügelaltar und in Spišská Sobota in der Georgskirche. Eine Tafel im Eingang zeigte uns, dass sogar Königin Elisabeth 2004 hier schon gewesen war.

Ich vermute allerdings, dass in der Slowakei sogar jetzt noch vieles nicht königlichen Besichtigungsansprüchen genügen würde. Ländliche Regionen wirken häufig etwas verschlafen und viele Gebäude verfallen, wie kurz nach der Grenzöffnung in der ehemaligen DDR. Nach meinem ersten Eindruck liegt die Entwicklung hinter dem westlichen Standard noch um Jahre zurück. Leider werden aber auch hier jetzt schon die Fehler der modernen Bauindustrie mit den riesigen gesichtslosen Industriebauten und den uns auch im Westen bekannten Bausünden wiederholt. Doch ich greife vor. Dies ist bereits das Resumee meines einwöchigen Aufenthaltes. Jetzt müssen wir erst einmal von Krakau aus Poprad erreichen.

Nach der etwa dreistündigen Autofahrt durch schönes hügeliges Bergland fragte ich mich beim Anblick der riesigen modernen Hässlichkeiten Poprads entsetzt: „Hier willst du Ferien machen?“ Aber schließlich nach langer Irrfahrt in und um Poprad herum – trotz Navi – fand unser nur polnisch sprechender Taxifahrer doch noch die Straße zum Stadtteil Spišská Sobota. Dort sollte nur 20 Gehminuten vom Zentrum Poprads entfernt unser Hotel, „Pension Atrium“, liegen. Die Straßen wurden wieder enger, die Häuser kleiner und dörflicher. Bald hielten wir an einem mittelalterlichen, Baum bestandenen Marktplatz mit hübschen alten Bürgerhäusern direkt neben der schon erwähnten berühmten St. Georgskirche. Erleichterung bei diesem schönen Anblick!

Auf dem Rückweg
Auf dem Rückweg
Foto: Helmut Hielscher

Juray und Karolina wollten uns beim Kulturwandern die großartigen Kultur- und Naturschönheiten in der Zips am Fuße der Tatra nahe bringen. Neben den Besichtigungen der vielen wertvollen Kunstdenkmäler blieb noch genügend Zeit zum Wandern und Genießen der abwechslungsreichen Landschaft, z. B. ließen wir uns von den Flößern auf dem slowakisch-polnischen Grenzfluss Dunajec zwischen steilen Felswänden und bedrohlichen Stromschnellen flussabwärts staken. Zurück wanderten wir über die Berge und genossen die faszinierenden Ausblicke auf die in der Ferne verblauenden Ketten der Tatra. Ein anderer Ausflug führte uns von Tatranská Javorina aus als siebenstündiger Konditionstestlauf in die Weiße Tatra. Bei einer späteren Wanderungen ins Slowakische Paradies mit über hundert kettengesicherten Felsstufen und Leitern, durch ein wildes Bachbett treppauf, treppab teilte sich die Gruppe in einen gemütlich-meditierenden und einen sportlich-wandernden Zweig, je nach Lust und Kondition. Die Gemütlichen ereichten die Hütte zuerst, angeblich kraft Erleuchtung, vermutlich aber weil der Weg kürzer war.

Bei unserer letzten Wanderung in die Hohe Tatra fuhren wir mit der Tatra-Bahn nach Štrbské pleso auf über 1300 Meter Höhe. Von dort aus ging es - für die einen auf einem geruhsamen Wanderweg zum „symbolischen Friedhof“- und für die anderen nur noch steil hinauf auf geschichteten Steinplatten über muntere Bergbäche mit kleinen Wasserfällen. Dabei konnte sich jeder im Aufund Abstieg schritttechnisch vorzüglich entfalten und damit beeindrucken. Und so erstiegen wir, angestachelt von einem anerkennend gemeinten Kommentar „mit der Eleganz einer alternden Gämse“, einen Aussichtsbalkon auf etwa 1700 m Höhe. Hier belohnte uns bei strahlendem Sonnenschein ein fantastischer Rundblick auf ein spektakuläres Bergpanorama – und bei der gemeinsamen Pause – wieder ein Stück Mohnkuchen, von Ursula wie schon so oft auf dieser Reise selbstlos verteilt. So gedopt bewältigten wir alternden Gämsen den Rückweg zum Poppersee spielend.

An diesem Tag hieß es abends schon das erste Mal Abschied nehmen von Karolina, die wir alle ins Herz geschlossen hatten. Es könnte noch viel erzählt werden von den gemeinsamen landestypischen Abendessen, von der allabendlichen Fröhlichkeit beim Lernen des manchmal scheinbar unaussprechlichen Slowakisch, den landestypischen Witzen und Geschichten, der spontanen Zigeunermusik und unserem genialen deutsch-slowakischen Gesang. Eine Woche Kulturwandern in der Zips war nicht zuletzt auch durch die Fachkompetenz und die ansteckende Fröhlichkeit unserer beiden Reiseleiter wie im Flug vergangen. Ein letztes herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer, besonders aber an Helmut Hielscher und alle nicht genannten Mithelfer, für das gute Gelingen dieser Reise und die kameradschaftliche Gemeinschaft.

Am Sonntag folgte noch mit Juray ein Rundgang durch das alte Bratislava und dann reisten wir am Montag mit der Bahn über Dresden nach Braunschweig zurück. Ein letztes Mal berührten uns jetzt etwas wehmütig, wie für den Abschied inszeniert, die märchenhaft aufsteigenden Herbstnebel über den Seen und Flüssen.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. November 2011