Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2010
Skigruppe

Ein Wintermärchen: Die Skigruppe in Norwegen

Wilfried Rosendorf

Als Helmut mich bat, den Bericht über die Norwegenfahrt der Skigruppe zu schreiben, winkte ich zunächst überrascht ab. Wie kommt ein Außenstehender, der zudem zum ersten Mal an dieser fast schon traditionellen Norwegentour teilnahm, dazu, den Bericht über die Aktivitäten der Skigruppe zu schreiben? Ich hatte zunächst den Verdacht, dass derjenige, der am häufigsten stürzte, in den zweifelhaften Genuss dieser Ehre kam. Erst als mir klar wurde, dass es ganz reizvoll sein kann, über die Ereignisse und kleinen Begebenheiten aus der Sicht eines Außenstehenden zu berichten, stimmte ich zu.

Morgendliche Gymnastik vor unserer Fjellstue
Morgendliche Gymnastik vor unserer Fjellstue
Foto: Jürgen Reinefeld

Ziel war in diesem Jahr erstmals Gomobu, etwa 190 km in nordwestlicher Richtung von Oslo entfernt, eine in etwa 1000 m Höhe gelegene Siedlung, eigentlich mehr eine Ansammlung von Hütten mit einer Fjellstue, Ausgangspunkt von Skitouren aller Schwierigkeitsgrade.

Bereits im Bus auf dem Weg zur Fähre ergriff Helmut das Mikrofon, um in launigen Worten die einzelnen Mitglieder der Reisegruppe vorzustellen. Er vergaß natürlich nicht zu erwähnen, dass ich mit zwei künstlichen Gelenken wieder mit dem Skisport begonnen habe. Bereichert wurde die Gruppe mit Wolfgang, einem Facharzt für Unfallchirurgie, mit Inge, einer lizenzierten Übungsleiterin, und natürlich mit Jon, einem waschechten Norweger, der uns im Verlauf unseres Aufenthaltes noch wertvolle Dienste leisten sollte. An Bord war auch eine Vertreterin der Firma Sausewind mit einer kleinen Reisegruppe. Die junge Dame gab uns erstaunliche Informationen, z.B. über das Paarungsverhalten der Elche. Und wussten Sie schon, dass man aus dem Kot der Elche, nachdem dieser getrocknet und poliert wurde, Schmuckstücke für Damen herstellt? Eine häufig gestellte Frage galt auch dem Rot der Hütten in Norwegen. Da konnte uns Jon erklären, dass ursprünglich der Farbe Kalk und Ochsenblut beigemengt wurde, um der Holzfäule vorzubeugen. Heute allerdings nimmt man dafür Eisenoxid. Als einige aufgeregt auf zwei Elche am Straßenrand hinwiesen, verging der Rest der Fahrt wie im Fluge auf der (erfolglosen) Suche nach weiteren Elchen. In Fagerness machten wir einen einstündigen Halt, um letzte Einkäufe zu tätigen. In Vaset, dem Gomobu nächstgelegenen Ort, ging es auf einer Mautstraße hoch zu unserem Ziel. Unser Fahrer hatte wohl Vertrauen in sich und seine Winterreifen und verzichtete auf Schneeketten. Zum Glück ging alles gut!

Was muss man sich unter einer Fjellstue vorstellen? Es ist ein einfaches Hotel – nicht ganz so komfortabel, wie ihr es wohl in den letzten Jahren gewohnt wart – doch recht gemütlich eingerichtet. Eine einfache Sauna ohne Ruheraum, die nur für jeweils eine Stunde den Herren oder Damen zu Verfügung stand und wohl deshalb kaum genutzt wurde, ein zum Lesen, Klönen, Skatspielen und Handarbeiten anregender Aufenthaltsraum. Die Zimmer waren recht unterschiedlich in ihrer Ausstattung, doch war man im großen und ganzen zufrieden. Gewöhnungsbedürftig das Essen: abwechselnd in Buffetform oder als Menü dargeboten, war es manchmal sehr „al dente“, wohl eine Vorliebe des Küchenchefs.

Fjell und Loipen
Fjell und Loipen
Foto: Jürgen Reinefeld

Nach dem ersten Abendessen wollte Helmut die Gelegenheit nutzen, um einige allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Gomobu loszuwerden. Doch hatte die Skigruppe wohl so viel zu bereden, dass er Mühe hatte, gegen die Unruhe anzureden. Ich meine, hier müsste die Skigruppe noch an sich arbeiten! Der „Herbergsvater“ hatte da keine Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. In einem Stakkato-Englisch erläuterte er uns die Gepflogenheiten der Fjellstue, war auch ohne Mikrofon in der letzten Reihe zu verstehen.

Der nächste Morgen zeigte sich von seiner ungemütlichen Seite. Bei –18 Grad Celsius und leichtem Schneefall war warme Kleidung angesagt. Nachdem wir uns aus dem reich bestückten Obstkorb versorgt, die Brote für das Lunchpaket geschmiert und die Kannen mit Tee gefüllt hatten, kam die erste Überraschung des Tages. Da staunten die Braunschweiger nicht schlecht, als Inge die Gruppe zur Aufwärmgymnastik bat. Es wurde gedehnt und gelockert, mit vielfältigen Übungen auf den kommenden Skilauf vorbereitet. Mit herzlichem Beifall bedankte sich die Skigruppe für das abwechslungsreiche Programm. Die Skigymnastik um 10.30 Uhr wurde zu einer festen Einrichtung im Tagesablauf. Als Ingrid durch eine Erkältung für drei Tage verhindert war, übernahm Jon das Aufwärmen in bewährter Manier. Wie sehr die Skigruppe das Ritual der Skigymnastik verinnerlicht hatte, wurde deutlich, als im Bus auf der Heimfahrt um Punkt 10.30 Uhr der Ruf nach der Skigymnastik laut wurde.

Jürgen als exzellenter Kartenleser hatte für den ersten Tag – auch angesichts der herrschenden Temperaturen – nur eine kleine Einlaufrunde vorgeschlagen. Doch zeigte sich sehr bald, dass er uns wohl das gesamte Skigebiet zeigen wollte, denn fast 20 km sind für einen ungeübten Anfänger eine nicht leicht zu bewältigende Strecke. Nur gut, dass Jon, Helmut und Inge wie Schäferhunde die Gruppe umkreisten. Hinten ermunterten sie die Schwächelnden, waren dann wieder auf dem Weg nach vorn. Ursel aus Hambühren jedenfalls hatte ihre liebe Mühe, das vorgegebene Tempo einzuhalten.

Interessante Beobachtungen konnte ich auch im Wachsraum machen. Morgens, kurz nach dem Frühstück, herrschte dort dichtes Gedränge. Da wurden die verschiedenen Wachssorten bewertet (V 30 von Swix ist gut, V 40 dagegen zu stumpf !), mit Heißluft oder Bügeleisen aufgetragen (aber nur im mittleren Bereich!) und mit einem Korken verrieben. Hier waren die (überwiegend männlichen) Experten unter sich, hier konnte man wunderbar fachsimpeln.

Auf dem Weg zum Syni, einer kleinen Erhebung mit 1.137 m, wurden die unterschiedlichen Charakteristika der Landschaft deutlich. Anfangs noch im Schutz der Wälder laufend, mit den darin verstreuten Hütten, wurde es merklich rauer, als wir die freie Fläche erreichten. Das nahezu baumlose Fjell, nur unterbrochen von einzelnen Krüppelbirken, bietet zwar grandiose Ausblicke auf die umliegenden Berge, doch der Wind kann ungehindert angreifen. Auf dem Syni pfiff uns ein unangenehmer Wind so um die Ohren, dass wir uns hier nur ganz kurz aufhielten. Unterhalb des Syni, wo uns ein Hügel einigermaßen Schutz vor dem eisigen Wind bot, legten wir eine eng begrenzte Pause ein. Inzwischen hatte das Spurgerät die Loipe neu gezogen, so dass wir auf einer jungfräulichen Spur die Strecke nach Valdjernstølen zurücklegen konnten. In leichten Anstiegen und sanft abfallenden Abfahrten ging es hurtig nach Valdjernstølen. Hier bestand die Möglichkeit abzukürzen, doch alle wollten die große Runde bewältigen, die über Langeberget nach Gomobu führte.

Am Dienstag wartete ein weiterer Höhepunkt auf uns. Nein, keins der gewiss großartigen Ziele wie Brattåsen oder Langeberget. Es war gleich nebenan in der ehemaligen Schule, in die uns die Firma Sausewind eingeladen hatte. Hier konnte man sich nach getaner Arbeit, also nach mehreren Kilometern in der Loipe, mit Waffeln, verfeinert mit Marmelade und einer Art von Schmand verwöhnen lassen. Dazu gab es Kaffee oder Kakao (mit Schuss), es war einfach köstlich! Ihr seht, der Berichterstatter ist mehr den kulinarischen Genüssen zugetan.

In der zweiten Woche hatte die Skigruppe eigentlich nur ein großes Ziel: Nøsen am Stortfjorden Flyvatnet. Zweimal musste das Unterfangen schon verschoben werden, weil starke Winde die von einem Schneescooter präparierten Loipen zugeweht hatten. Als wir uns schließlich doch entschieden, war zwar auch kein besseres Wetter, doch trotzten wir den stürmischen Winden und machten uns auf den Weg nach Nøsen. Neunzehn (Sollen wir sie mutig nennen?) Skiläufer erreichten das Ziel, drei waren der Vernunft gefolgt und sind umgekehrt. In Nøsen erwartete uns eine hochwillkommene Einkehrmöglichkeit, wo wir uns aufwärmen und verpflegen konnten. Die Wirtin bereitete uns warme Waffeln, sodass wir gestärkt den Weg zurück antreten konnten. Und, oh Wunder, der Wind hatte sich inzwischen gelegt, und ein Spurgerät hatte eine Loipe in den Schnee gezaubert. Probleme bereitete das diffuse Licht, das die Spuren nahezu unkenntlich machte. Eigentlich konnte man sich nur am Vordermann orientieren, um den Weg zurück zu finden. Am Freitag trafen wir uns nach dem Abendessen in der ehemaligen Schule, um gemeinsam Abschied zu feiern. Es war schon erstaunlich, was an Alkoholika, Leckereien und Salzgebäck auf den Tisch kam. Ich habe in der „Packliste für den Skiurlaub in Norwegen“ nachgesehen und nichts darüber gefunden. Aber ihr wart ja schon dreimal in Norwegen und wusstet auch so, was an Lebensnotwendigem in den Koffer gehört. Wir waren jedenfalls für diesen Abend reichlich versorgt. In launigen Reden wurde auf die 14 Tage eingegangen. Leider hatte ich nichts zu schreiben dabei, um mir die Bonmots der Reden zu notieren. Ich erinnere mich nur daran, dass Walter in seiner Rede die außerordentlichen Verdienste Helmuts hervorhob, auch Inge für ihr Bemühen dankte, die Fitness der Skigruppe zu erhöhen, natürlich auch Jon für seine Übersetzerdienste. Wir haben uns an diesem Abend gut unterhalten und viel gelacht, z.B. über die vergeblichen Bemühungen von Ursula und Wolfgang, sich aus einer „Verstrickung“ zu lösen oder die lebenden Bilder von Hermann. Willi erwies sich als ausgezeichneter Interpret von Fritz Graßhoff und las uns gekonnt einige Stücke aus der Halunkenpostille vor.

Auch der letzte Tag war wieder sonnig, aber unangenehm kalt und windig. Noch einmal ging es in kleinen Gruppen hinaus zu den einzelnen Punkten, die wir in den vergangenen Tagen erlaufen haben. Zusammengerechnet waren das 320 km mit fast 5.000 Höhenmetern.

Der Berichterstatter dankt der Skigruppe für die unbeschwerten Tage, das Erlebnis der Kameradschaftlichkeit und besonders Helmut für die besonnene Leitung der Gruppe. Wenn ihr uns noch einmal mitnehmt, sind wir beim nächsten Mal wieder dabei.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. Mai 2010