Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2007
Skigruppe

Die Skigruppe auf dem Gottesacker

Bereits vor 9000 Jahren lebte – oder sollte man besser sagen: hauste – eine Spezies des homo sonstwas im Tal der oberen Breitach, wie Funde eindeutig belegen. Im Jahre 1270 siedelten dann im Laufe einer alpinen Völkerwanderung Schweizer aus dem Wallis in diese herrliche Region, wodurch der Name „Kleinwalsertal“ geboren wurde.

Schließlich strömten dann am 23.06.2007 aus Braunschweig 28 Mitglieder der Skigruppe – zusammen mit vier Freunden aus Berlin und vom Bodensee ergibt das 32 Wandervögel – in das zu Österreich gehörende, aber schon seit vielen Jahrzehnten dem deutschen Wirtschaftsgebiet angegliederte Kleinwalsertal, nicht, um dort auch sesshaft zu werden, sondern nur, um eine Woche Wanderurlaub zu genießen.

Karin und Jürgen Reinefeld hatten alles mustergültig vorbereitet, und so konnten sich – nach ca. 650 km Fahrt in meist starkem Regen – die Teilnehmer in zwei Hotels in Riezlern/Außerschwende in „ein gemachtes Bett“ legen: 24 Personen im „Bergblick“ und 8 Personen im ca. 200 Meter entfernten „Sonnenburg“.

Schon das erste Abendessen ließ befürchten, dass das Sportprogramm anspruchsvoll werden muss, weil sonst, zurück in der Heimat, wahrscheinlich weitere Löcher im Hosengürtel erforderlich sein werden.

Die nachfolgenden Berichte beschränken sich auf die Touren, an denen das Gros der angereisten Braunschweiger teilgenommen hat, und sollen auch nur in groben Zügen das wunderbare Wandererlebnis wiedergeben. Wer dabei war, hat die Woche genossen; für den, der nicht dabei war, kann der Bericht kein Ersatz sein! Der Chronist bedankt sich bei Hannelore, Helmut H. und Walter für die überlassenen Aufzeichnungen und ganz besonders bei Karin und Jürgen für den nachträglich gelieferten Gesamtbericht mit Höhen- und Wetterangaben.

Sonntag, 24.06.2007

Am ersten Tag steht bestimmt eine kleine Wanderung „zum Warmlaufen“ auf dem Programm. So dachten viele, aber sie dachten falsch! Karin und Jürgen hatten – voller Hochachtung für die körperliche Konstitution ihrer Freunde – 13 km Weglänge mit über 1000 m Anstieg, kurzum: eine Wanderung vom Hotel aus zum Walmendinger Horn, vorgesehen. Wie gut, dass mit Rücksicht auf Arthrose-Knie wenigstens der Abstieg per Bergbahn und die Rückfahrt von Mittelberg zum Hotel mit dem Walserbus erfolgen sollte.

Der Widderstein, „Wächter des Kleinwalsertales“
Was blüht denn da
Foto: Helmut Hielscher

Doch schön der Reihe nach: Man traf sich, gestärkt an einem reichhaltigen Frühstücksbüffet, vor dem „Bergblick“, und wurde zunächst dekoriert mit einem von Karin gebastelten Bergstiefel, der am Revers oder sonstwo an Stelle einer Kuhglocke zu tragen war, damit niemand aus der Gruppe verloren geht . Dann bekam „jedes Zimmer“ ein Bestimmungsbuch für Alpenblumen, damit man auch, wenn Elsbeth mal nicht in der Nähe ist, erfahren kann „Was blüht denn da?“.

Nach dieser Reinefeldschen Schenkaktion ging es (weil das Hotel zu hoch lag und daher als Ausgangspunkt zu bequem erschien!) erst einmal gut 100 m hinab in das Tal der Breitach, und an dieser dann aufwärts bis zur Einmündung des Schwarzwassers. Nun folgen wir dem Schwarzwasser, genießen das herrliche Wetter, bewundern die Natur und bestaunen einige junge Leute, die den Bach per Canyoning, also im Flussbett wandernd, bezwingen (wahrscheinlich hat Helmut H., immer darauf bedacht, seiner Skigruppe das jeweils Neueste zu bieten, diese Sportart gedanklich schon in das Programm des nächsten Jahres eingeplant!). Über die untere und die obere Walmendinger Alm steigen wir auf teils recht steilen Pfaden immer weiter hinauf dem Ziel Walmendinger Horn mit seinen 1990 m Höhe entgegen. Nach einer ausgedehnten Rast (in dieser Höhenluft schmeckt das Weizenbier besonders gut!) kommt die Erkenntnis: Bergab wird teuer! 11,50 Euro pro Person, auch für arbeitslose Rentner! Manch einer überlegt da noch, ob er nicht lieber den Knien den Abstieg zumutet, zückt dann aber schließlich aus Bequemlichkeit doch das Portemonnaie. Unten in Mittelberg übernimmt uns der Walserbus und bringt uns ins Hotel zurück.

Der Widderstein, „Wächter des Kleinwalsertales“
Der Widderstein, „Wächter des Kleinwalsertales“
Foto: Helmut Kähler

Montag, 25.06.2007

Schade, dass der Bus nur stündlich verkehrt, denn die Abfahrt um 9:35 Uhr vor dem Hotel ist eigentlich zu spät für eine große Wanderung, 8:35 Uhr aber zu früh für müde Knochen. Wir kommen daher erst gegen 10:30 Uhr in Baad an, wo das Bergmassiv des Widdersteins das Tal zum Süden hin abschließt. Nun erst beginnt die Wanderung.

Durch den Wald geht es von 1244 m Höhe, steil und entsprechend anstrengend, hoch zur Lüchlealpe auf 1571 m, wo eine Trinkpause für den Ersatz des vergossenen Schweißes sorgt. Die Mittagspause wird an der Ochsenhofer Scharte (1850 m) zelebriert. Von hier aus machen einige einen Abstecher zum Grünhorn (2039 m), können aber wegen der aufziehenden Wolken nicht die sonst mögliche Sicht bis zum Bregenzer Wald genießen. Über Schwarzwasserhütte (1620 m) und Melköde (1346 m) geht es hinab zur Auenhütte (1273 m), wo uns der Walserbus übernimmt und zum Hotel zurück bringt. Das Wetter hat doch noch mitgespielt. Erst am Abend öffnen sich die Himmelsschleusen, doch da sitzen wir bereits gemütlich beim Glas Wein oder Bier.

Etwas eher öffnete sich die Hose von Jürgen S.: Bei einem wohl zu großen Spreizschritt beim Abstieg von der Ochsenhofer Scharte gab eine Naht nach! War sie morsch oder schon überbeansprucht durch die Folgen der üppigen Verpflegung?

Dienstag, 26.06.2007

Wieder starten wir mit dem Bus, diesmal allerdings in Richtung Oberstdorf zur Söllereckbahn. Eine echte Gratwanderung steht uns bevor!

Mit der Gondel geht es hinauf zum Berggasthof Schönblick (1345 m), dann zu Fuß, an Söllerhaus und Sölleralpe vorbei, zum Söllereck auf 1706 m Höhe und schließlich auf einem Grat entlang zum Schlappoltkopf (1968 m) und zum Fellhorn auf 2038 m Höhe. Der Wind pfeift zuweilen recht kräftig über den Kamm und zwingt, eine Jacke anzuziehen. Auf dem weiteren Weg zur Kanzelwand (1949 m) wird die Gruppe auf dem Grundsattel (1800 m) aufgeteilt: - Arthrose-Knie und neue Hüften links raustreten und fertig machen zum Aufstieg auf die Kanzelwand, um von dort mit der Bahn hinunter nach Riezlern zu fahren - erfolgreich am Meniskus Operierte und solche, die gar nichts haben, rechts einordnen zum Abstieg über die Riezlern-Alpe. In Riezlern trifft man sich dann wieder und fährt mit dem Bus „nach Hause“.

Steife Brise auf dem Fellhorn
Steife Brise auf dem Fellhorn
Foto: Helmut Hielscher

Mittwoch, 27.06.2007

Weil der Himmel heute besonders bedrohlich aussieht, wird als Ziel die Breitachklamm ausgegeben, nach dem Motto: Da drin ist´s sowieso feucht. Aber – das sei vorweggenommen – selbst bei gelegentlichem Nieselregen kann auch an diesem Tag die Regenkleidung im Rucksack bleiben.

Vom Hotel weg geht es über Straußbergweg und Engenkopfweg zum unteren Eingang in die Breitachklamm. Diese beschreiben zu wollen, wäre jedoch ein nutzloses Unterfangen. Für die Gewalt des durch die Enge herabstürzenden Wassers gibt es keine passenden Worte; dieses Schauspiel muss man gesehen haben! Unvorstellbar auch, was sich 1996 hier ereignete: Im September 1995 versperrten herabstürzendes Geröll und Felsen dem Wasser den Eintritt in die Schlucht, und es bildete sich ein Stausee mit 300 000 cbm Inhalt. Im März 1996 hielt die „Staumauer“ nicht mehr länger dem Wasserdruck stand, gab nach , und eine alles zerstörende Flut wütete durch die Klamm, alles mitreißend, was Menschen dort für die Begehbarkeit aufgebaut hatten. Auf 300 000 DM belief sich der Schaden!

Den Plan, gemeinsam im Waldhaus zum Kaffeetrinken einzukehren, vereitelte ein übereifriger Helfer an einer Baustelle mitten im Wald. Er ließ die erste Gruppe nicht an den Baumaschinen vorbei und zwang sie, rechts abzubiegen. Eine zweite Gruppe aber durfte ungehindert passieren. Macht nichts; beim Abendessen waren wir wieder vereint!

Donnerstag, 28.06.2007

Wieder bringt uns der Bus in die hinterste Ecke des Kleinwalsertales, nach Baad. Durch ein Meer von Blumen –insbesondere fallen Orchideen und Arnika auf –steigen wir auf der südlichen Seite des Derrenbachtales zur Oberen Derraalpe auf 1800 m Höhe. Die Mittagspause schafft die Energie für die kleine Stufe zum Derrajoch (1880 m) und die weitaus größere über einen steilen Graspfad zur Grüntlespitze (2092 m). Wir genießen den großartigen Rundblick, bevor wir über Derraalpe und Mittlere Spitalalpe (1580 m) wieder zum Ausgangspunkt nach Baad zurück wandern. Beim Abstieg auf einem engen, steilen und matschigen Weg wurde uns klar, warum Jürgen am Morgen geraten hatte, die Wanderstöcke nicht zu vergessen. Walserbus – Dusche – Abendessen – Geselligkeit! Wieder war es ein schöner Tag!

Freitag, 29.06.2007

Der letzte Tag ist angebrochen; eine Wanderung über den „Gottesacker“ steht auf dem Programm. Der Walserbus – übrigens kostenlos für Gäste des Tales, was bisher noch nicht erwähnt wurde – bringt uns zur Auenhütte und dort entdecken wir, entgegen der im Hotel erhaltenen Auskunft: Der Sessellift hoch zur Ifenhütte (1586 m) ist in Betrieb, und damit bleiben uns von 800 m Aufstieg 300 m erspart. War an sich nicht nötig, denn wir hatten bisher keinen müden Eindruck hinterlassen, aber wir freuen uns doch!

Wie immer an den vergangenen Tagen führt der Weg durch herrliche Almwiesen, bis wir schließlich in 2000 m Höhe eine völlig andere Landschaft, nämlich das vegetationslose Karstgebiet des Gottesackers vor uns sehen. Bevor wir es durchqueren, erfolgt noch ein kleiner Abstecher zum Hahnenköpfle (2080 m) mit seinem schönen Rundblick.

Der zerklüftete Gottesacker
Der zerklüftete Gottesacker
Foto: Helmut Hielscher

Bei der Mittagspause auf dem Gottesacker-Plateau lernen wir die Tücken dieser Landschaft kennen: Schnell können unachtsam zur Seite gelegte Gegenstände unerreichbar in einem Loch oder in einer Felsspalte verschwinden. Die 50 bis 100 m dicke Kalkschicht des Gottesacker-Plateaus besteht aus Ablagerungen des Ur-Mittelmeeres mit Überresten von Meerestieren, Geröll, Kies und Schlamm; auch Versteinerungen sind zu finden. Was im Gletscher aus Eis gebildet, ist hier aus Stein geformt: Tiefe Spalten, Löcher und Höhlen. Es wäre nicht ratsam, bei schlechter Sicht hier ohne kundige Führung zu wandern.

Beim Abstieg durch das reizvolle Kürental zur Bushaltestelle Unterwäldele kommen wir an einer steinzeitlichen Wohnstätte vorbei. Wie mag man hier vor 9000 Jahren gelebt, oder besser überlebt haben? Ohne Funktionskleidung, ohne GPS, ohne Kompass! Oder hatten die auch schon einen Jürgen Reinefeld, der seine Stammesgenosssen sicher durch das Terrain führte?

Und damit sind wir beim Programm des letzten Abends angekommen: Helmut H. dankte mit Worten und einem kleinen Geschenk Karin und Jürgen für die großartige Vorbereitung dieser Wanderwoche, für die sorgfältig ausgewählten Hotels, für die reizvollen, meist anspruchsvollen Touren und – wenn auch nicht ganz ernsthaft gemeint – für das wunderbare Wanderwetter, das am Tage der Anfahrt nur Optimisten zu erträumen wagten.

Samstag, 30.06.2007

Es regnet kräftig. Macht nichts, wir fahren ja nur nach Hause!

Hermann Fischer

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 17. November 2007