Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2006
Skigruppe

Ein „Ausgewanderter“ berichtet über die Winterreise der Skigruppe im März 2006

Helmut Hielscher rief und 21 Teilnehmer folgten dem Ruf zu einer Winterreise nach Norwegen. Nicht nur aus Braunschweig und Umgebung, sondern aus Berlin und Stuttgart reisten die Skinarren an. Auf der Hinreise gab es noch einige Worte des Bedauerns, dass man dem Braunschweiger Rosenmontagszug nicht beiwohnen konnte. Dieses Ereignis war jedoch schnell vergessen.

Unfallbedingt mussten Jürgen und Karin Reinefeld leider kurzfristig absagen.

Auf einem Informationsabend hatte Hermann Fischer auf Norwegen eingestimmt und das Norwegenfieber angeheizt. Auch war die Hälfte der Teilnehmer bereits im Februar 2004 im Rondane-Nationalpark dabei gewesen. Und dort vom Nordlandbazillus infiziert worden.

Loipen und Natur
Loipen und Natur in Norwegen
Foto: Gerti Hielscher

Der Bus der Firma Sausewind brachte uns pünktlich und sicher von Braunschweig zur Fähre „Color Fantasy“ nach Kiel. Die Ausfahrt aus der Kieler Bucht und die Fahrt durch die dänische Südsee wurden fachkundig durch unsere Skipper Klaus und Elke kommentiert. Am späten Abend konnten wir einen Platz im Speisesaal ergattern, bevor uns unser schwimmendes Hotel in den Schlaf wiegte.

Die Einfahrt in den gut 100 km langen Oslofjord verfolgten am frühen Morgen alle auf dem Oberdeck. Der Schnee reichte bis zum Wasserspiegel, und kleine Eisschollen drückte unser Schiff mühelos zur Seite, während wir den Blick auf die Großstadt Oslo genossen. - Entlang der autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraße E 6 konnten wir einige der Olympiastätten von 1994 in und um Lillehammer erkennen. In einem Einkaufszentrum wurden noch letzte Einkäufe getätigt und vor allem Loipenkarten des Zielgebietes Fefor erstanden.

Im sagenumwobenen Heimatort Peer Gynts, Vinstra, legte unser Fahrer Schneeketten auf, um die letzten Kilometer zu unserem traditionsreichen Fefor Hoifjellshotell zurückzulegen. Vor einhundert Jahren hatte der britische Polarforscher Robert Falcon Scott hier bereits seine Motorschlitten erprobt. Unser Bus erkletterte das bewaldete, z. T. durch tief eingeschnittene Kerbtäler geprägte Gebiet südlich von Vinstra auf der Westseite des Gudbrandstales, und nach dem Beziehen der Zimmer testeten einige am Nachmittag noch die Loipe.

Die Möblierung der Zimmer war einfach und zweckmäßig, nur der Schrank hätte größer sein dürfen. Dafür hatten alle Zimmer den Seeblick nach Süden mit dem dahinter ansteigenden Ruten-Gebirgsstock. So konnten wir jeden Morgen und Abend die weiche Modellierung der Landschaft durch die flach einfallenden Sonnenstrahlen genießen.

Vor dem üppigen Frühstücksbuffet traf man sich jeden Morgen im Skistall zum Wachsen der Langlaufski. Gewissenhaft wurden Luft- und Schneetemperatur gemessen und bei den „Schuppis“ wenigstens die Gleitzone präpariert. Da an fast allen Tagen morgens -12° Celsius bei leichtem, feinkörnigem Neuschnee herrschte, traten keine Wachsprobleme auf.

Am ersten Tag startete die Gruppe gemeinsam um 10 Uhr in einer harten, eisigen Spur. Ängstliche Gemüter wurden vor kurzen steilen Abfahrten gewarnt, und nach der Überquerung einer Bucht des Fefor-Sees benutzten wir die violette Markierung zur Lomseter-Alm. Hier trafen wir auf die ebenfalls als leicht eingestufte Peer-Gynt-Loipe, der wir ein kurzes Stück in Richtung Dalseter folgten, bevor wir in einer geschützten Schneemulde unsere Mittagspause einlegten.

Rondane
Im Hintergrund die Rondane-Berge
Foto: Walter Sprenger

Hermann hielt mit seinem GPS-Gerät jeden Tag die gelaufenen Kilometer, die Durchschnitts- und Höchstgeschwindigkeit sowie alle weiteren wichtigen Daten fest. Meistens waren wir über unsere „Leistungen“ etwas enttäuscht, da sie niedriger lagen als auf den Wegweisern oder in den Loipenplänen angegeben. Nach der Mittagspause teilte sich die Gruppe. Zwei Teilnehmer erreichten noch die oberhalb der Baumgrenze gelegene Haakon VII-Hytte (ca. 1.180 m) und wurden mit einem Traumblick auf die etwa 30 km nördlich liegende Rondane-Gruppe belohnt. Die Nachmittagssonne erlaubte die Lokalisierung einzelner Gipfel und Taleinschnitte, und Erinnerungen vom Februar 2004 wurden wieder wach.

Bei superweichem, feinkörnigem Neuschnee waren die Abfahrten der Peer-Gynt-Loipe nach Gala am nächsten Morgen gut zu meistern. Im Peer-Gynt-Café des Alpinzentrums spendierten sich alle einen heißen Kakao zu ihrem Lunchpaket. Die Thermoskanne mit Tee blieb als eiserne Ration im Rucksack. Auf der kurzen, rot markierten Loipe - sie wies zu Beginn einen mörderisch steilen Anstieg auf - kam die Mehrheit pünktlich ins Hotel zurück - Ein nicht ausgelasteter Teilnehmer rannte die Piste ein Stück aufwärts und erreichte über Fagerli und Graslia wiederum die Haakon VII-Hytte, um ein Stück des Aufstiegs zum Ruten zu erkunden.

Bei strahlendem Sonnenschein und Neuschnee genossen wir am dritten Tag die frisch gezogenen Spuren rund um den Fefor-See, erprobten unsere Kräfte an einem ungespurten Verbindungsstück und schlemmten mittags im Hotel. Den Nachmittag nutzten einige für die 10 km lange Runde um den Feforkampen, die man entgegen dem Uhrzeigersinn laufen sollte, um eine zwei bis drei Kilometer lange flotte Abfahrt zu erleben.

Die Abende verbrachten wir in den sehr gemütlichen, soliden alten Aufenthaltsräumen des Hotels vor dem offenen Kamin oder in einer der Nischen mit Kartenspielen, Gesprächen über die Vorzüge der einzelnen Loipen, Lesen von Schnee-Gedichten und –Geschichten oder dem Erzählen vergangener Heldentaten aus der Jugendzeit. Dazu spielte eine kleine Band im Tanzsaal, und der Barmann konnte mit dem Ausschank alkoholischer Getränke leicht nachkommen - bei den Preisen kein Wunder.

Heute hatten wir uns in der Fagerli-Fjellstue angemeldet. Dieses Haus wird im Winter von Sausewind angemietet und mit eigenem Personal betrieben. Von den Gästen wird eine gewisse Mithilfe erwartet. Nach einem starken Anstieg über Skardhaugen bis zur Piste von Gala brachte uns eine zügige Abfahrt zu köstlichem Kakao und Kuchen bis in diese Hütte. Der Leiter der Fagerli-Fjellstue wusste uns manches über Norwegen und die Provinz Oppland zu berichten. So liegt über die Hälfte dieser fünftgrößten Provinz über 900 m hoch und ist nur sehr dünn besiedelt. Dieser echte Norwegenfan führt auch Touren abseits der Loipen.

Um unseren Aktionsradius zu erweitern, fuhren wir mit dem hoteleigenen Bus und einem Taxi zum Alpinzentrum Gala/Wadahl. Hier folgten wir der Fortsetzung der Peer-Gynt-Loipe nach Südosten bis zur Lauwasen-Fjellstue. Je nach Leistungsvermögen entschied man sich für eine große oder kleine Runde. Beim Wiedersehen im bereits bekannten Peer-Gynt-Café stellte sich dann heraus, dass beide Runden fast gleich lang gewesen waren. Bus bzw. Taxi brachten uns zum Hotel zurück.

Nach einem Tag mit Skikurs sollte endlich der so verlockende Ruten (1.516 m) bestiegen werden. Vier schlagkräftige Teilnehmer trafen sich an der Baumgrenze unter der Haakon VII-Hytte. Die Bedingungen erschienen günstig. Der Schnee hatte sich gesetzt, oberhalb der Hütte waren Spuren getreten, es war sonnig sowie vor allem windstill. So erreichten wir zügig das Skidepot und zuletzt über freigewehte Felsplatten zu Fuß den Gipfel, wo wir weitere Sausewindler von der Fagerli-Fjellstue trafen. Die Kälte vertrieb uns bald vom Gipfel, zumal wir keine klare Sicht auf das 40 km westlich gelegene Jotunheimen hatten.

Nach einer kurzen Abfahrt neben der Aufstiegsspur entschieden wir uns für eine Überschreitung des Ruten mit einer Abfahrt über die Westflanke nach Dalseter. Der Anstieg zu einer flachen Scharte war gut zu schaffen, aber die Abfahrt unter dem Graauda, Skarvranden und Rundhö bot mit windgepresstem Schnee, Pulverschnee, kleinen Eisplatten, Windgangeln und freigewehten sowie verdeckten Steinen einige Schwierigkeiten, und wir waren froh, in der Tiefe endlich eine präparierte Loipe zu entdecken. Nach einer kurzen Pause genossen wir die maschinell gut gespurte Peer-Gynt-Loipe doppelt und gelangten nach einer 3 km langen, sehr zügigen Abfahrt wieder in bekanntes Gelände an der Lomseter-Alm.

Noch ein zweites Mal brachte uns der Hotelbus nach Gala/Wadahl, um ein weiteres Teilstück der Peer-Gynt-Loipe zu erkunden. Neuschnee und Windverwehungen erforderten schwere Spurarbeit bis zur Siedlung Fagerhöi. Der Busfahrer war nur schwer zu überzeugen, dass er zur vereinbarten Zeit zum Hotel zurückfahren sollte, weil ein Fahrgast noch fehlte. Dieser Gast hatte sich jedoch ordentlich abgemeldet und suchte auf einer langen Schleife nach Peer Gynt.

Nochmals luden wir uns auf der urgemütlichen Fagerli-Fjellstue zu Kakao und Kuchen ein und Hermann stattete unseren Dank an Helmut und Gerti für ihren Organisationsaufwand in gereimter Form ab. Auch der Hüttenmannschaft der Fagerli-Fjellstue wurde herzlich gedankt. Über das Valsfjellet und an der Piste der Gala-Ski-Arena vorbei erreichten alle pünktlich zum „Middag“ um 18.30 Uhr unser Hotel.

Abends okkupierte unsere Gruppe das Bibliothekzimmer, um einen würdigen Abschiedsabend zu feiern, ohne die anderen Gäste zu stören, bzw. gestört zu werden.

Der letzte Skitag galt nochmals der wilden Jagd auf Peer Gynt. Seine Spuren, sein Ritt auf einem Ren, seine Bilder waren allgegenwärtig. Bis fast zur Siedlung Skeikampen über gespurte Loipen, durch Schneeverwehungen auf dem Peer-Gynt-Weg und zuletzt mit Hilfe des Mondlichts wurde er verfolgt. Es half alles Nichts! Er blieb ein Schatten, ein Schemen, ein Phantom! Wir müssen nochmals wiederkommen!!

Auf der Rückreise steuerte Herr Böckermann, der Geschäftsführer der Firma Sausewind unseren Bus und wusste uns noch manches interessante Detail über Norwegen zu vermitteln. Am Elbtunnel mit seinem Stau hatte uns die Heimat endgültig wieder eingefangen.

Dieter Nagel

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 21. Mai 2006