Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2006
Skigruppe

Der Harzer Hexenstieg im Winter

Auf Skiern von Torfhaus nach Rübeland

„Was hältst Du bei diesem vielen Schnee vom Hexenstieg auf Skiern?“, fragt mich meine Frau Brigitte Anfang März d.J. Interessante, bisweilen etwas ausgefallenere Ideen hat meistens sie. Von diesem, mit einem leichten abenteuerlichen Touch angehauchten Wintererlebnis bin ich natürlich sofort begeistert und ohne weitere Überredungsworte bereit. Der gesamte Hexenstieg beginnt bekanntermaßen in Osterode und endet nach rund 100 km in Thale. Erinnerungen an ihn sind noch sehr lebendig, sind es doch erst gut 2 Jahre her, dass wir ihn mit Ingrid und Hermann sowie Schwager Hans in 3 Tagen begingen.

Wir entscheiden uns in Anbetracht der günstigen Möglichkeiten des öffentlichen Verkehrs für den ca. 33 km langen Abschnitt von Torfhaus nach Rübeland. Er ist, landschaftlich betrachtet, sicherlich die großartigste Strecke, führt sie doch durch den Oberharz dicht unterhalb der Kuppe des Brockens vorbei. Und das gute Hotel in Rübeland, in welchem wir übernachten wollen, ist uns noch in bester Erinnerung.

Am 18.03.06 herrscht eine Hochdruckwetterlage. Die Konstellationen sind nach eigenen Erfahrungen der letzten Tage und ebenso laut Internet-Schneebericht hervorragend. Wir müssen Brigittes Idee sofort in die Tat umsetzen. Ein Aufschieben würde gleichbedeutend mit einem Aufheben sein, denn der Frühling klopft an unsere Tür. Mit dem ersten Bus fahren wir also von Bad Harzburg nach Torfhaus. Nebelig, trübe ist es hier noch früh am Morgen, die Fernsicht ist gleich null. Es ist kalt, aber Windstille herrscht, Gott sei Dank Wir nehmen dieses erst einmal sehr positiv auf.

Auf altvertrauten Loipen geht es zügig Richtung Eckersprung. Urplötzlich öffnet sich der Schleier der Nebelwolken und wir tauchen ein in das blendende Weiß eines strahlenden Morgens. Die vom vielen Schneefall zu grotesken, fantasievollen, Fabelwesen ähnlich gestalteten kleinen und großen Fichten überspannt ein tiefblau-violetter Himmel. Welch ein herrlicher Tag. Wir freuen uns , unterwegs zu sein.

Wie zauberhaft schön, ja künstlerisch, hat der weiße Niederschlag modelliert, hat Unebenheiten im Gelände kugelförmige, pilzähnliche, märchenhaft anmutende Häubchen aufgesetzt, hat aus einem einfachen vier- oder rechteckigen Holzstapel eine vollendet ebenmäßige, einem Iglu ähnliche Kuppel geformt. Ab dem Eckersprung wird der Goetheweg bekanntlich steiler, und während des letzten Anstiegs zu den Bahngleisen schnallen wir unsere Ski ab. Zu Fuß geht es hier genau so schnell und warum sollen wir unsere Kräfte jetzt schon im Grätschritt vergeuden, wo uns das Bevorstehende noch unbekannt ist.

Die Schienen der Brockenbahn liegen tief unten , beiderseitig von bis zu 2 m hohen Mauern aus Schnee eingerahmt. Bei der Brockenchaussee müssen wir wie von einer Wechte über die fast körperhohe Schneemauer herunterklettern, um auf die Schierker Strasse zu gelangen.

Schierker Strasse
Die Schierker Strasse
Foto: Helmut Kähler

Im Nu sind wir am äußersten Rand der Strasse, in der Mitte hat man Splitt gestreut, bis zum Abzweiger des Glashüttenwegs abgefahren . Die Hinweise am Schilderbaum hier auf 900 m Höhe gucken gerade noch aus dem Schnee heraus. Nun wird es ernst für uns, der Loipenspaß ist vorbei. Wo im Sommer genüsslich gewandert wird, ist für die nächsten 4 km echte Arbeit angesagt. Tief ist der Schnee, ähnlich dem im freien Gelände. Einer von uns beiden muss logischerweise der erste sein. Der zweite hat es leichter. Seine Ski können schon in einer Spur gleiten. Er genießt dann jedes Mal diesen Vorzug, solange bis der Vordere neben die Spur tritt und er wieder unberührten Schnee vor sich hat. Nun werden seine Skispitzen wieder eintauchen, austauchen und erneut versinken.

.Als wir südlich des Erdbeerkopfes die Spinne, so heißt ein 750 m hoher Geländepunkt in der Karte, endlich erreichen, stoßen wir auf die wunderschön gespurte Rennekenberg-Loipe des LL – Ski- Gebietes von Drei Annen Hohne. Wir genießen den Übergang so ähnlich, wie wenn man im Auto vom holperigen Kopfsteinpflaster einer Dorfstrasse plötzlich auf frisch Asphaltiertes gelangt. Ab jetzt können wir wieder gleichmäßig, stetig, im richtigen Rhythmus laufen. Wir haben uns inzwischen auf vielen Touren einander anpassen können. Je rhytmischer diese Bewegung ist, desto leichter ist das Laufen. Unsere Skispitzen berühren fast die Skienden des Vorderen. Rechts ......links ...... rechts, und schrapp ...schrapp, ssskt ... tack.., je nach Beschaffenheit des Untergrundes. Bergauf sind unsere Schritte kürzer, wir schalten dann sozusagen einen Gang zurück. Manch- mal auch zwei, wenn es nur noch im Grätschritt vorwärts geht. Das kostet dann besonders viel Kraft, und die Pulsfrequenz steigt bis zum fliegenden Atem.

Am Trudenstein
Am Trudenstein
Foto: Helmut Kähler

Nachdem wir die bekannte Panoramaklippe „Trudenstein“ passiert haben, geht es nur noch bergab. „Lass Laufen“, rufe ich Brigitte zu, „es geht prima!“, und mit kräftigen Doppelstockschüben steigern wir das Tempo. Die Erleichterung nach dem anstrengenden Glashüttenweg beflügeln uns. Die Last des Rucksacks scheint aufgehoben. Wir sausen in einer jungfräulichen Loipe fast 2 km nach Drei Annen Hohne hinab und sind fast ein wenig enttäuscht, dass der Rausch vorbei ist. Dieses war das Sahnestück der gesamten Tour lehrt uns ein Blick in die Karte.

Im Steinbachtal geht es teils auf alten Spuren teils spurlos weiter nach Rothehütte im Tal der Kalten Bode. Nach einer Mittagsrast ist uns kalt und fröstelig geworden. Der Rucksack auf unseren Schultern tut jetzt gut, er wärmt. Nach vielen Touren ist er inzwischen ein Teil von uns selbst geworden. Heute ist er schwerer als auf gewöhnlichen Tageswanderungen. Wäsche zum Wechseln, leichte Hausschuhe für`s Hotel und Waschutensilien sind dazugekommen. Dabei haben wir minimalste Gewichtszunahme sorgfältig bedacht.

In Königshütte, wo Warme und Kalte Bode zusammenfließen, brauchen wir uns nicht mehr zu orientieren. Alles ist uns noch vom Herbst 2003 her vertraut. Am Fuß der Ruine Königsburg, wenige Meter, nachdem wir die Brücke über die Warme Bode überquert haben, teilt sich die Wegführung des Hexenstiegs in eine nördliche und eine südliche Variante. Wir nehmen die nördliche, die fast eben an der etwa 3 km langen Überleitungssperre -so heisst der Stausee in der Karte - entlangführt. Dieser ist natürlich zugefroren und ebenso makellos weiß wie die umgebende Landschaft. Dass es sich um einen künstlichen See handelt ist nur an der Bode zu erkennen, die sich durch ihre Fließbewegung ein schmales schnee- und eisfreies Bett erhalten konnte. Schlangenähnlich windet sie sich in scharfem, farblichem Kontrast zu ihrer Umgebung durch den zugefrorenen See.

Wir folgen einer einzelnen, ganz frischen Skispur, die in unmittelbarer Ufernähe fast eben an der 460 m Höhenlinie entlangführt Mit ihren vielen Windungen folgt sie unserer Richtung . Der eigentliche Hexenstieg verläuft rechts von uns und ist höher. Diese Winterlandschaft mag ich, zieht sie mich doch besonders wegen ihrer stillen Einsamkeit an.

Nach der Staumauer enden ganz plötzlich jegliche menschlichen Spuren. Wir sind in einer nur vom Wild berührten Natur. Viele Tier haben ein reiches Netzwerk von kleinsten und grösseren Fährten im Schnee hinterlassen. Welches Nieder- oder Raubwild, Reh- oder Rotwild mag da wohl auf nächte- oder frühmorgendlicher Pirsch oder Flucht gewesen sein. Welches Drama mit tragischem Ende mag sich hinter mancher Fährte verbergen?

Nun müssen wir wieder Spuren, auf bekannte Art und Weise. Zu unserer Linken , tief unter uns, sucht sich die Bode ihren Weg vorbei an mit Schneehauben versehenen Steinen und Felsen. Die weiße Landschaft über dem Bodetal, auf die wir von oben schauen, ist großartig. Der Hexenstieg benutzt hier einen alten Postweg, den „Montan-Weg“, der im Sommer ein Naturlehrpfad ist. Durch das Schauen abgelenkt, bleibe ich mit einer Skispitze plötzlich irgendwo hängen, -an einer Baumwurzel- reagiere zu spät, verliere das Gleichgewicht, kippe zur Seite, will mich mit dem Stock abfangen, bohre ins Grundlose und liege im Schnee.

Ich will mich aufrichten, finde aber nirgends einen Halt. Meine Füße sind in den Bindungen gefesselt, die Beine verdreht. Ich komme mir vor wie ein Käfer oder wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt. Als ich endlich, nach sinnlos verbrauchten Anstrengungen ziemlich atemlos wieder aufrecht stehe, schwöre ich mir, in Zukunft sehr viel konzentrierter zu sein.

Aber diese Tour wird mir hierzu keine Gelegenheit mehr geben können, sie endet bald darauf an dem kleinen Sträßchen zwischen Rübeland und Susenburg. Rund 33 km winterlicher Hexenstieg liegen hinter uns. Es war ein Harzerlebnis etwas besonderer Art, unbekannte, groß artige Winterlandschaften erlebten wir. Dass wir bis zu unserem Hotel noch rund 2 km auf der Straße gehen müssen, berührt uns nicht sonderlich. Wir haben dadurch genügend Zeit, uns gehörig auf einheißes Duschbad, ein großes Bier und ein genüssliches Abendessen einzu stimmen.

Mit dem öffentlichen Bus fahren wir am nächsten Morgen bei schönstem Wetter über Elbingerode und Wernigerode in 1 ½ Stunden zurück nach Bad Harzburg.

Helmut Kähler

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 21. Mai 2006