Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2003
Skigruppe

Zwischen Kahleberg und Drachenkopf

Das Erzgebirge als Geheimtip für Langläufer und Kultur-Touristen

Es scheint so fern und liegt doch so nah: das Erzgebirge. Zwei Brunswieker wollten es wissen. Gerade mal vier Stunden in gemäßigtem Öko-Speed braucht man, um von Braunschweig aus in ein Loipenparadies zu gelangen, das jedem Vergleich mit unserem heimatlichen Harz standhält - die Wetter-Kapriolen eingeschlossen. Zwischen 700 bis 900 Meter Seehöhe gelegen, erstreckt sich von Altenberg über Hermsdorf und Holzhau bis Rechenberg-Bienenmühle ein Loipennetz von rund 150 Kilometern Ausdehnung. Nimmt man die Abzweige nach Schellerhau und Bärenburg hinzu, werden's locker mehr als 200. Vom Namen her sehr anspruchsvoll, zum Belaufen auch für Mäßiggänger bestens geeignet, verläuft die schönste und längste Loipe, die "Ski-Magistrale", überwiegend entlang der Grenze zu Tschechien und verheißt Genuss pur - vor allem auf den Abschnitten, die eine aufgegebene Gebirgsbahntrasse nutzen. Ein kleiner Wermutstropfen (bezogen auf das gesamte Loipennetz): Nicht nur die etwas verworrenen Loipenkarten haben's in sich, auch die Markierungen scheinen eher für langgediente Pfadfinder gedacht zu sein. Problem? - Nein, kaum. Längstens nach zwei Tagen hatten wir Exoten aus Niedersachsen die Irrungen und Wirrungen enträtselt und nicht nur die Tagesziele gefunden, sondern auch den Heimweg zur dortigen Bleibe.

Skibahnhof
Ski-Bahnhof in Neuhermsdorf
Foto:M. Weiß

Apropos Bleibe: Wer genüsslich in vier Richtungen laufen möchte (Novè Mésto oder Moldava in Tschechien eingeschlossen), ist mit Neuhermsdorf bestens beraten: Rund 800 Meter hoch gelegen, ein paar einladende Hotels und Pensionen, sogar einen "Ski-Bahnhof" gibt's - direkt an der gerühmten "Ski-Magistrale". Und die Bewirtung? Kann sich sehen und schmecken lassen. Überall herzlich-freundliche Aufnahme, vielversprechende und reichhaltige Speisenkarten, und die Preise lassen den Euro-Schock vergessen. Was auch für die Übernachtungspreise gilt. Die Turbulenzen der Nachwendezeit scheinen hier Vergangenheit zu sein.

Kontaktfreudig, wie wir Brunswieker nun mal sind, kam es immer wieder mal bei Zufallsbegegnungen in der Loipe oder am Einkehrtisch zu tief schürfenden Gesprächen über das Wetter, den Schnee und überhaupt. Spätestens dann, wenn von der Gegenseite zur Bekräftigung schwer wiegender Wachs- oder Bremsprobleme das unverfälschte "nu?!" zu vernehmen war, wurde die Vermutung zur Gewissheit: wie immer, Sachsen, jawohl! Wegen der dortigen Winterferien war offenbar halb Dresden in die Hausberge gezogen. Und im Gegensatz zu uns Exoten hatten sie anscheinend überhaupt keine Orientierungsschwächen, waren immer in der richtigen Spur. Und dafür gibt's eine einfache Erklärung: Sie kommen meist grüppchenweise daher, Familien mit Kind und Kindeskindern, gesellige Rentner-Bands. Und immer ist einer dabei, der schon seit unvordenklichen Zeiten ins Gebirge zieht und vom Kahleberg bis zum Drachenkopf (fast) jeden Meter kennt, "nu!".

War da nicht weiter oben von Wetter-Kapriolen die Schreibe? Doch, doch - es kann einen treffen mit grünen Wiesen, so wie weiland die Skigruppe im Böhmerwald. Deswegen braucht man im Erzgebirge nicht gleich die Rückfahrt anzutreten. Kultur, Bergbau-Historie oder Nussknacker-Manufaktur findet man in Hülle und Fülle.

Und Prag liegt auch beinahe vor der Tür. Schier tausend Möglichkeiten, wenn man bei Schneemangel nicht gerade die Bergstiefel schnüren will. Also, Ihr Loipen-Fans und Kultur-Touristen - wer wagt, gewinnt! Auf ins Erzgebirge!

Günter Hahne

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 13. Mai 2003