Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2002
Skigruppe

Kultur, Natur und Loipenglück

Bunt schillernde Erlebnisvielfalt bei der Skigruppenfahrt 2002 ins Dreiländereck

Bunt schillernde Erlebnisvielfalt bei der Skigruppenfahrt 2002 ins Dreiländereck


Wie soll man diese Vielfalt fassen? Kaleidoskop fällt mir ein - Sie kennen doch dieses Guckröhrchen, das es auf jedem Schützenfest gibt. Wenn man hineinschaut und langsam dreht, zeigt sich eine ständig wechselnde , lebhaft-bunte Bilderfolge - so wie in meiner Erinnerung an den wunderbaren einwöchigen Ausflug der Skigruppe in den Bayerischen Wald, oder (ganz deologiefrei gesagt) nach Haidmühle im Böhmerwald, in die Welt Adalbert Stifters, im hintersten Winkel am Dreiländereck. Natürlich stand das Skilaufen im Mittelpunkt; aber das Drumherum war so anregend, dass es wohl bei allen 25 Teilnehmern noch lange nachklingen wird.

Zur Einstimmung blättere ich mal kreuz und Quer durch "Wald"- Literatur, Reiseführer und Prospekte, die unser diesjähriges Reiseziel in schillernder Vielfalt beschreiben:" eine Gebirgslandschaft , die zu den ältesten und schönsten Europas zählt... ursprünglich eine weltferne Gegend...mit bescheidenen Kirchdörfern und hochklassigen Kulturdenkmälern... ein Reiseland mit unzähligen Wander- und Skitouren... ", heißt es da; oder mit einem Einsprengsel aus der Weltliteratur: "Waldwege steht hinter Waldwoge, bis eine die letzte ist und den Himmel schneidet."

Fürwahr, Brigitte und Helmut hatten ein wirklich interessantes und reizvolles Ziel ausgewählt - mit einem Hauch von Nostalgie sogar. Grüßte doch vom historischen (vor Jahren still gelegten) Bahnhof die Aufschrift "k.k. Zoll-Güterabfertigung Haidmühle" Und unser Hotel, der Haidmühler Hof, selbstredend das vorzüglichste Hausam Platze - weithin gerühmt ob seines exzellenten Salat-Büffets oder der Körner-Pracht beim dekorativ präsentierten Frühstück. Dass in einem (selbst ernannten) Wellnesss-Hotel mit Swimmingpool, Sauna und Kaldarium (hört,hört!) der Ski-Stadl die einzigen Minuspunkte erhielt - was soll's: nobody is perfekt!

Unterwegs
Unterwegs
Foto: Reinefeld

Ach ja, wir waren ja zum Skilaufen hier. Und rund um unseren Hausberg, den Haidel(1167 m), war geradezu ein Loipenparadies zu entdecken, jedenfalls nachdem der Himmel nach zwei Tagen Zeitversatz seine Schneeschleusen geöffnet hatte. 70 Kilometer Doppelspur laut Loipenkarte! Und wenn man das angrenzende Loipennetz von Bischofsreut und Frauenberg hinnimmt, dann kommt man locker auf 200 Kilometer - meist gut gespurt in schwarz, rot oder blau. Und allerorten sah man Brunswieker Langlaüfer durch Wald und Feld huschen. Mal im Großaufgebot, mal in kleinen Grüppchen, etwa auf den historischen Pfaden der Salzsäumer, die jahrhundertelang das kostbare Gut auf Pferde- und Menschenrücken von Passau ins Böhmische nach Prachatitz , schafften - zum Wohle der Fürstbischöfe und zum eigenen Nutzen.

Wenn's dann bei diesen kleinen oder großen (33 km) Touren Wachsprobleme gab, waren flugs unsere "Spurbüffel" zur Stelle. Jürgen und Helmut H. hatten für buchstäblich jeden Schnee das richtige Mittel dabei, so dass sich keiner mit hochstolligen Skiern das Loipenglück versagen musste.

Das Schönste an einer Skitour ist bekanntermaßen das Einkehren, heuer etwa beim Wirt "Am Goldenen Steig" in Bischofsreut, der uns herzlich-freundlich, doch sehr bestimmt aufgeklärt hat, wie sich total schneedurchnässte Langläufer in einer bayerischen Gaststube zu verhalten haben. Also auf keinen Fall den quaddernassen Rucksack auf die gepflegten Polsterbänke stellen. Und wenn man aus dem vielversprechenden Speisenangebot "kesselfrische Weißwürschtl" geordert hatte, die in einer Terrine mit kochend heißem Wasser aufgetragen wurden, dann hatte das zweite Würschtl so lange in der Schüssel zu verbleiben, bis das erste vom Teller verzehrt war, jawohl'! - Dass wir nach ein paar Tagen in den Dörfern am Dreiländereck als " die Gruppe mit dem Weihrauch-BUS" bekannt waren, trug natürlich zur oben genannten (echt) herzlich freundlichen Aufnahme bei.

Vor dem Start
Vor dem Start
Foto: Enke

Weihrauch-BUS? - Nein, das hatte nichts mit Weihrauch und Myrrhen zu tun So hieß schlicht das BUS-Unternehmen, das uns per Vierster-BUS (mit einsternigem Anhänger) ins Dreiländereck gekarrt hatte, trefflich gesteuert von Arnim Hilke. Nur als es in der Nacht vor der Rückfahrt bergeweise Neuschnee gab, hat unser Fahrer vermutlich weniger gut geschlafen, hatte er doch vorher nie das Kettenauflegen trainiert. Oder hatte im Stillen auf Hilfe gehofft? Fakt ist: Friedhelm. Helmut H., Hermann und Heinz wussten nicht nur, wie so etwas geht -sie knieten zu Tat. Und Hilke konnte es gar nicht fassen -schon waren die Räder bestückt... und wir fuhren mit nur drei Minuten Verspätung von der Startrampe runter.

Mit "achtzig" über die Autobahn zuckeln, das lässt durchaus schwärmerische Vergleiche mit ICE-Speed aufkommen. Dennoch: viel Zeit und Muße für Gespräche und träumerisches Nachsinnen. Immer mal unterbrochen durch kurzweilige Einlagen, wenn uns Hermann mit brillant formulierten Stegreif-Referaten unterhielt, über
Historie, Land und Leute in seiner Heimat Franken oder die tausendjährige Geschichte des Rhein-Main-Donau-Kanals.

Schon ein bisschen im Nebel der Erinnerung die große Kammwanderung am ersten Tag. Ganz oben, zwischen Dreisessel und Dreiländereck sollte noch Schnee liegen, hatte uns am Abend vorher der Wirt der Schmugglerklause verraten. So war's denn auch; aber was für ein Schnee! (Der Harz nach Sturm und Regentagen ließ grüßen). Na ja, den Hochstein (1331 m) mit dem hochgerühmten Rund-Umblick hätte man ohnehin nicht mit Skiern bezwingen können (eher mit Steigeisen). So haben wir die etwas heikle , kleine Kletterpartie über vereiste Blöcke mit Mut und gutem Zureden ohne technische Hilfsmittel gemeistert. Vor den gerühmten Ausblick waren leider Dunst und Wolken gesetzt. Und man konnte nur ahnen, was die richtungsweisende INFO-Tafel versprach: Alpen, Großer Arber, Schneekoppe (? - richtig, war doch im Vorjahr unser Ziel). Und weiter ging's - die meisten per pedes, die "Scouts" und späteren "Spurbüffel" auf eben jenen Latten: Steinernes Meer und Plöckenstein, Dreiländereck und ein kleiner Grenzhupfer zum Adalbert-Stifter-Monument, mit dem grandiosen Blick auf den sagenumwobenen Plöckensteinsee - immer so um die 1300 Meter hoch, stapf, stapf durchs weiland Eldorado für Wilddiebe und Schmuggler.

Besichtigung
Besichtigung von Böhmisch-Krumau
Foto: Enke

Tief in schwärmerische Erinnerung eingegraben bleibt wohl bei allen Dabeigewesenen dieser unvergleichlich eindrucksvolle Ausflug ins Tschechische, nach Böhmisch-Krumau, oder - wie es unsere charmante Stadtführerin mit rollendem "r" benannte - ehemals Fürstlich Schwarzenbergische Herrschaft Krumau. Und dieses Städtchen, burgüberragt in enger Moldauschleife gelegen, bot in seinem historischen Ambiente viel mehr noch als den oben genannten "Hauch von Nostalgie".

Selten haben wir eine so spannend-kenntnisreiche , zugleich kurzweilige Führung erlebt wie hier über die trutzige Burganlage und durch die verwinkelten Gässchen mit den malerisch ineinander verschachtelten Häusern aller Stilformen, von der Gotik über Renaissance und Barock bis zu einfühlsam gestalteten An- und Umbauten der Neuzeit, von den Weltkriegen verschont, nach der Wende aufwändig restauriert. Wie uns die junge Mutter verriet, war die heutige Führung Ihr Erstlingswerk - mit strahlend dargebotenen Daten und Fakten, im lockeren Wechsel mit eingestreuten, meist sehr gruseligen Geschichten: vom Fenstersturz aus hohem Burgerker, von Raufhändeln oder nächtlicherweise umgehenden Geistern.

Wien und Holz und Schwarzenberg - das muss noch erzählt werden. Schon immer brauchte die einstmals k.k. Metropole Holz, viel Holz. Wie und woher aber heranschaffen, als es weder Auto- noch Eisenbahn gab? Mit Wasser! - Forstingenieur Joseph Rosenauer hatte 1774 die geniale Idee: In der Kammlage des Böhmerwaldes nach Norden fließende Bäche über die Wasserscheide Elbe/Donau hinweg nach Süden umleiten, einen Kanal bauen (wir "Harzer" kenne das System) und das heiß begehrte Brennholz gen Wien davonschwimmen lassen, 51,9 Kilometer lang, durch Sturzgefälle, Tunnel und Schleusen. Fürst Schwarzenberg war begeistert, genehmigte, finanzierte und ließ Rosenbauer bauen - zu Ruhm und Ehren seines erlauchten Namens.

Diese "Schwarzenberg-Schwemme", das "achte Weltwunder", wollten wir bestaunen. Nur ein Katzensprung bis zum Wanderer-Grenzübergang bei Nove Uldi, Euro tauschen, Ausweise präsentieren... Und dann kam's: Natur-Loipe spuren durch unwegsames Gelände, Rutschpartien auf frisch gepflügten, eisglatten Waldwegen, auch mal ein paar Meter die Skier tragen, dann in harzgewohntem Stil den Graben entlang - Sightseeing mit Abenteuer-Touch! Jaaa! Für den Rückweg gab's erholsamerweise den Triebwagen mit "selbstschreibendem" Kondukteur.

Kultur, Natur und Loipenglück? Historie ist noch anzufügen. Kein Wunder, dass bei den quirlig-munteren abendlichen Tischrunden mit Viergang-Menü (und Bier und Wein) der Gesprächsstoff nie ausging - beflügelt noch durch das spontan aufgekommene "Bäumchen-welche-dich-Ritual".So habe ich denn nach und nach mit allen anderen beisammengesessen und kann der geneigten Leserschaft wohlgemut und in kürzest möglicher Form mitteilen: Gut war's! Oder - etwas ausdrucksstärker - wie es Walter Sprenger in humoriger Rede formuliert hat: "Wenn es schon einen Termin gäbe für die nächste Skigruppenfahrt - ich wäre der Erste, der sich heute anmeldet."

Günter Hahne

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 28. April 2002