Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/1999
Skigruppe

Weimar ist eine Reise wert

Schon seit dem Mauerfall 1989 hegte ich den Wunsch, Weimar kennen zu lernen. Nun plant die Skigruppe einen Wochenendausflug dorthin. Aber kann man als in jeder Hinsicht "altes" Skigruppenmitglied da noch mithalten, zumal wir in einer "Jugend"-Herberge übernachten wollen? Man kann!

Brigitte hatte die Reise in bewährter Weise geplant, übergab jedoch dann die Leitung an Gerti und Helmut Hielscher.

Morgens 6.00 Uhr gings per Bahn über Kassel nach Weimar, wo wir knapp 4 Stunden später eintrafen. Für Gerti und Helmut , die erst kurze Zeit zuvor von einer China-Reise zurückgekehrt waren, mag das eine Wendung um 180° gewesen sein. Wir (14Pers.) profitierten jedoch davon, daß sie noch voller China-Eindrücke steckten und spontan auf Bahnsteigen, und wo auch immer, davon erzählten.

Jugendherberge in Weimar (Foto: Hielscher)Nur 3 Minuten vom Bahnhof entfernt, an der Carl-August-Allee, in einem großen , freundlich wirkenden Haus, die Jugend-Herberge "Germania". Da die Zimmer noch nicht geräumt waren, stellten wir unser ohnehin nur kleines Gepäck ab und wandelten mit viel Zeit und Muße auf der großzügig angelegten Carl-August-Allee in Richtung Markt, wo uns um 11.3O Uhr eine Stadtführung erwartete. Immer wieder um uns sehend, nahmen wir die besondere Atmosphäre Weimar's in uns auf: Eine Studentengruppe (dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte und Studentenkäppchen a.d. Kopf), wie man sie wohl hier bei uns seit der Vorkriegszeit nicht mehr sah; viel internationales Publikum, vor allem junge Leute; nicht nur Besucher, sondern auch solche, die vermutlich ihre Ausbildung an einer der zahlreichen Bildungsstätten hier erhalten. Dann all' die wundervoll renovierten Bauten! Am Marktplatz angekommen, verzehren wir erst einmal eine echte Thüringer Bratwurst, bewundern dann gestärkt die vielen Blumen, Früchte, Keramiken usw.

Pünktlich 11.3O Uhr treffen wir vor dem Lucas-Cranach-Haus Herrn Neugebauer, einen sympathischen - und wie sich herausstellt - auch kompetenten Stadtführer. Zuerst führt er uns zum Mittelpunkt der denkmalgeschützten Altstadt, der Herderkirche, der langjährigen Wirkungsstätte des Hofpredigers Herder (Sarkophag 1803). Der wundervolle Flügelatar wird L. Cranach zugeordnet. Vor der Kirche dann das Herder-Denkmal. - Weiter geht's zum Schloß. Wir gehen jedoch nicht hinein. Die Zeit würde nicht ausreichen. Herr N. zeigt uns lediglich einige wesentliche Innenaufnahmen und berichtet dazu. - Wenn ich früher an Weimar dachte, fiel mir dazu vor allem die bevorzugte Stellung Goethes und wohl auch die kürzere Anwesenheit Schillers ein. Aber es gibt - wie es scheint - wohl kaum eine geistige oder künstlerische Größe, die nicht wenigstens für einige Zeit in Weimar gewirkt hat .Z.B. J.S. Bach, Franz Liszt, Walter Gropius, C.M. Wieland, der von der Herzogin Anna Amalia als Prinzenerzieher an den Hof geholt worden ist. Von allen gibt es Gedenkstätten. Ihr Sohn, Car-August, der 18 jährig die Regierung übernahm, holte sich - wie allgemein bekannt - J:W: Goethe als Minister an den Hof. Seine Ausstrahlung muß enorm gewesen sein. Der junge Carl-August fand in ihm wohl auch einen väterlichen Freund.

Der Spaziergang durch den von ihm gestalteten Landschaftspark a.d. Ilm mit Blick auf das Gartenhaus läßt uns nachempfinden, wie gern er hier gelebt haben mag.. Ein Ginkgo-Baum aus dieser Zeit ist noch vorhanden. Weiter geht's zum Theaterplatz .mit dem Dt. Nationaltheater. In dem einstigen Komödienhaus wirkte Goethe auch als Intendant und führte hier u.a. Schillers Dramen auf. Man fragt sich: Womit hat sich dieser Mann eigentlich nicht beschäftigt.? Auch ein guter Eisläufer, Bergsteiger und Harzwanderer ( Gedenktafel am Grabenweg mit geologischen Erkenntnissen) soll er gewesen sein. Vermutlich wäre er zu unserer Zeit ein begeistertes Alpenvereinsmitglied geworden

Aber nun weiter zu unserer Stadtführung:.Fanz Lizst sowie Richard Strauß wirkten als Kapellmeister, Hermann Abendroth (Vater von Willy Brandl) als Generalmusikdirektor hier.

Vor der Eingangsfront dann das berühmte Goethe-Schiller-Denkmal. Man kann nicht alle Gedenkstätten und Skulpturen aufführen. Abschließend geht's zum Friedhof vor dem Frauentor mit der Goethe-Schiller-Gruft, der Russischen Kapelle (1862), wo die Großherzogin Maria Parlowno beigesetzt wurde, u.a. die Erdbegräbnisse der Familie von Goethe, von J:P: Eckermann und Charlotte v. Stein.

Als sich unser Stadtführer verabschieden will, schließen wir uns ihm weiterhin an und folgen ihm zur "Scharfen Ecke", einem gemütlichen kleinen Eßlokal, wo der Wirt die Original-Thüringer Klöße noch persönlich herstellt. Helmut übernimmt das Test-Essen und ist sichtlich angetan.

Wir Frauen teilen uns die einzigen 7 Kuchenstücke und fühlen uns ringsherum wohl.

Zum Abendessen sind wir im historischen "Weißen Schwan", wo auch Goethe seine Gäste unterbrachte, angemeldet. Entsprechend wird die Mahlzeit zelebriert: 4 Serviererinnen bringen gleichzeitig auf großen Tellern, abgedeckt mit silberglänzenden Metallglocken, die bestellte Mahlzeit herein. Erwartungsvoll schaut jeder zu den geheimnisvollen Glocken, die dann - wieder genau gleichzeitig - abgedeckt werden. Ein Aha-Effekt. Das Essen schmeckt uns so gut wie es serviert wurde.

Anschließend lassen wir uns in zwei Groß-Taxen zum Jagd- u. Lustschloß Belvedere hinauffahren, von wo aus man normalerweise einen herrlichen Ausblick auf Weimar genießt. Heute abend ist's diesig, also eine Schönwetter- Voraussage. Aber die tiefrot untergehende Sonne sehen wir durch das Geäst der Bäume. Eine Stunde früher - es ist inzwischen 20.00 Uhr - und wir hätten einem Konzert der dort untergebrachten Musikschule beiwohnen können.

Alle Barock-Bauten sind und werden z.T. noch renoviert. Alles ist eindrucksvoll und prächtig, auch die großzügige Gartenanlage. Wie uns Herr Neugebauer verriet, sind der Stadt Weimar über 1 Mrd. DM zur Verfügung gestellt worden, neben Berlin-Podsdamer Platz- und Expo, der größte Betrag.

Die zwei Groß-Taxen bringen uns zurück nach Weimar.. Während sich die "Jugend" noch zu einem Glas Wein zusammenfindet, lasse ich mich "nach Hause" fahren. Sofort schlafe ich ein und nehme meine später heimkehrenden Mitbewohner kaum noch wahr.

Wohlig ausgeschlafen sitzen wir am nächsten Morgen um 7.3O Uhr am Kaffeetisch, bedienen uns am Büfett und lassen uns alles schmecken. Wir wollen uns einiges, was wir tags zuvor nur von außen betrachten konnten, nunmehr näher ansehen., vor allem das Goethehaus am Frauenplan. Gerti und Helmut haben sich so gut orientiert, daß wir die ersten Besucher sind. Die Einführung durch Film und Vortag ist m.E. hervorragend. Sogar das Gedicht "Gefunden", welches Goethe seiner Christiane Vulpius gewidmet hat, wird einfühlsam vorgetragen. So eingestimmt, können wir alles in Ruhe in uns aufnehmen.

Angesichts dieser vielen Skulpturen und Gegenstände, die Goethe von seiner Italienreise mitbrachte, frage ich mich nur, wie er sie hergeschafft hat. In seiner Reisekutsche war doch bestimmt nicht genügend Platz dafür. Auch den LKW-Verkehr und die Lufthansa gab es noch nicht. Vielleicht war eine Karawane von Kutschen unterwegs? Wer weiß.

Goethes Wohnhaus mit Garten (Foto: Hielscher)Auch diese Gartenanlage ist wieder wunderbar. Wenn .Christiane diesem großen Haussstand samt Garten vorstand, hat sie m.E. viel geleistet., selbst wenn ihr Personal zur Seite Stand. Daß man sie gesellschaftlich nicht anerkennen wollte, lag wohl vor allem am Hochmut der Hofgesellschaft, denn die höfischen Floskeln wird sie sicher nicht beherrscht haben. Aber Goethes Mutter, eine kluge Frau, hatte sie gern.

Heute nehmen wir unser Mittagsmahl an der "Scharfen Ecke" ein, natürlich mit Klößen. Man kennt uns schon.

Franz Liszt bewohnte ein sehr viel bescheideneres Haus des Hofgärtners, aber hübsch am Park gelegen, von 1869 - 1896. Er hat wohl finanziell nicht ganz so sorglos leben können, sondern erteilte zur Sicherung seiner Existenz häufig Pianounterricht, wie wir bei einem Besuch erfahren. Heute ist die Hochschule für Musik "Franz Liszt " im ehemaligen Fürstenhaus, einem 3-geschossigen Barockbau nahe dem ehemaligen Rathaus, untergebracht.

Das Wittumspalais der Herzogin Anna-Amalia (sie verwitwete nach 2-jähriger Ehe) müssen wir uns unbedingt ansehen. Sie führte ein Haus, das z.Z. der frühen Klassik ein Zentrum gesellschaftlichen und literarischen Lebens bildete. Es hat sich gelohnt: Überall an den Wänden entdecken wir Gemälde mit prinzlichen Vorfahren aus Braunschweig. Auch den festlichen Raum mit rundem Tisch, um den sie ihre elitäre Gesellschaft versammelte, bekommen wir zu sehen. Porzellan-Schuhe soll sie häufig getragen haben, verriet uns Herr Neugebauer. Gab's seiner Zeit wohl schon Fußpflegerinnen?

Trotz großer Hitze steigen wir noch zu dem im Bauhausstil erstellten Musterhaus mit Flachdach ( Gropius 1920 ) hinauf. Ein Extrem zu dem vorher Gesehenen. Niemand möchte darin wohnen: zu kalt, trotz evtl. Heizung!

Zum Abschluß suchen wir in der Fußgängerzone ein hübsches Straßencafé auf und genießen nach Herzenslust Eis, Café oder was eben jeder mag, in Hörweite kultivierter Straßenmusik.

18.00 Treffpunkt Jugendherberge; denn 18.36 Uhr bringt uns die BB wieder gen Braunschweig. Alle stimmen darin überein: Es war eine gelungene , eindrucksvolle Reise, nicht zuletzt durch Gertis und Helmuts umsichtige Fürsorge. Wir kümmerten uns bei den verschiedenen Besichtigungen weder um Eintrittskarten, Ermäßigungen oder sonstige Dinge. Das übernahmen lautlos die Zwei. Erst in der Bahn als wir ohnehin nichts anderes tun konnten, wurde abgerechnet.

MH

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 15. August 1999