Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/1998
Skigruppe

Portjengrat, 3.654 m, eine Überschreitung von Süd nach Nord

eine Überschreitung von Süd nach Nord.

Die Überschreitung des Portjengrates über den Hauptgrat von Süd nach Nord wird im Schweizer Clubführer als prächtige, empfehlenswerte Kletterei angepriesen. Sie gilt als schönste im Saastal.

Darauf wurde ich schon vor vielen Jahren aufmerksam. Aber niemals habe ich es bisher geschafft, meinen Bergurlaub im Saastal zu verbringen. Doch mein Interesse am Portjengrat habe ich über all die Jahre stets wachgehalten.

In diesem Sommer war es nun endlich soweit. Brigitte und ich machen Urlaub im Saastal, wir wollen dem Dreigestirn Weißmies, Lagginhorn, Fletschhorn einen Besuch abstatten. Hier gibt es auch eine Reihe schöner alpiner Klettereien des Genußbereiches, zu deren prächtigstes wohl der Portjengrat zählt. Er ist überdies durch seine ausgezeichneten Felsen bekannt, einen an Quarz und Feldspat reichem Orthnogneis. Für eine würdige Einübungstour ist also gesorgt.

Portje heißt im Walliser Dialekt soviel wie Pforte. Gemeint ist eine scharf in den Grat eingekerbte, markante Scharte, von der man kaum glauben kann, daß es sich hierbei um ein Werk der Natur handelt. Früher diente sie als Übergang in die italienischen Täler.

Diese Portje bildet den Ausgangspunkt für die Begehung des Süd-Grates auf den Portjengrat. So bezeichnet man heute den mit 3.654 m höchsten Gipfel im gesamten Gratverlauf zwischen der Portje und dem Zwischenbergpaß. Und wie die meisten Gipfel im Grenzverlauf der Schweiz und Italien, hat auch er einen italienischen Namen: Pizzo d'Andolla. Andolla ist eine kleine Alm östlich von ihm auf der italienischen Seite, von wo man den schönsten Blick auf den Berg mit seiner 900 m hohen Ostwand haben soll. Überhaupt ist die Ostseite das Schaustück. Aus dem oberen Val Loranco erhebt sich der Gipfel kühn, wie eine Pyramide von fast 1.500 m Höhe.

Der Portjengrat-Gipfel mit der Abseilplatte (Foto: Helmut Kähler)
Nachdem wir uns am Vortag mit der vollständigen Überschreitung der "Dri Horlini" eingeübt haben, gewinnen wir von der gepflegten Almageller Hütte aus über den heutzutage aperen Rotblattgletscher in gut 2 Stunden die unübersehbare Portje. Eine Zweierseilschaft ist bereits am Einstieg. Die beiden haben Kletterschuhe an, müssen wir etwas neidvoll feststellen. Uns wird klar, daß wir es in unseren Bergstiefeln um einiges schwerer haben werden. Aber der Fels ist dann so ausgezeichnet und das Wetter so phantastisch schön, daß ein Schuhproblem gar nicht entsteht.

Den ersten senkrechten Steilaufschwung umklettern wir links über Risse und Platten, um zum Grat zu gelangen. An ihm geht es bis zu einem breiten und leichten, fast horizontalen Schneegrat hinauf. Die zahlreichen Türme und Gendarme des Gipfelgrates überklettern wir je nach Lust und Können an deren Kanten oder umgehen sie.

Tief unter uns deckt ein watteähnliches Wolkenmeer die italienischen Täler und Almen friedlich zu. Es ist phantastisch, hier oben über den Wolken zu klettern. Vom Gipfel mit seinem kleinen, blitzschlaggeprüften Kreuz genießen wir einen unbehinderten, wunderbaren Ausblick auf die gesamte Mischabelkette.

Wenige Meter vom Gipfelkreuz entfernt, müssen wir zuerst einmal über eine ca. 20 Meter hohe Platte abseilen, um auf die weitere Abstiegsroute über den Nord-West-Grat zu gelangen. Diesem folgen wir dann ca. 200 m, wobei einige Gendarme mit voller Konzentration umgangen werden müssen.

Der anschließende unschöne Abstieg über Schotter und ätzendes Blockwerk wird dann von der Erinnerung an den vor kurzem gekletterten herrlichen Südgrat des Portjengrates fast völlig verdrängt. Zufrieden erreichen wir am frühen Abend die Almageller Hütte.

Helmut Kähler

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 6. November 1998