Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/1997
Skigruppe

Eine Wanderung von Hütte zu Hütte

Wie schwer darf mein Rucksack sein, was "muß" ich und was kann ich mitnehmen? Schließlich muß alles getragen werden. Da zählen jede 100 g: Warme Sachen, Wäsche zum Wechseln, Regenschutz, Hüttenschlafsack usw. Schließlich ist alles geprüft und die Waage zeigt unbarmherzig an, daß es doch noch zuviel ist. Also, wieder alles auspacken und nochmals durchsehen, was zu Hause bleiben kann. Nach Klärung dieser Frage steht für jeden von uns das Rucksackpackgewicht fest: 8, 10 oder 12 kg usw.

Nunmehr wohl gerüstet, treffen wir uns am Sonnabend zu früher Stunde in der Bahnhofsvorhalle. Johannes muß noch einen Spurt einlegen, denn sein Bus kommt erst 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges an.

Pünktlich um 6 Uhr verläßt der ICE Braunschweig in Richtung Göttingen. Wohin mit dem vielen Gepäck im ICE? 6 Große Rucksäcke und 6 Taschen müssen im engen Zugabteil untergebracht werden. Dann ist auch dies geschafft. Nach dem Umsteigen in Göttingen gibt es Begrüßungssekt und Gerti hat auch noch für jeden ein Stück Kuchen mitgebracht. Solcher Art verwöhnt, sind wir bald in München. Die kleine Umsteigepause wird zu einem Weißwurstessen genutzt.

In Bozen begrüßt uns der Süden: 30° . Wir atmen tief durch. Nach kurzer Pause bringt uns der Bus nach Welschnofen/Dolomiten. Gegen 17 Uhr treffen wir im Hotel Tyrol ein und werden vom Wirt freundlich empfangen.

Am Sonntag wird es Ernst. Unser kleines Gepäck bleibt im Hotel. Der Wirt ist freundlich und bringt uns mit seinem Pkw zur Talstation des Rosengartenliftes (1/2 Stunde Anstieg gespart!). Inzwischen hat sich der Himmel stark bewölkt. Der Rosengarten ist nur noch teilweise zwischen den Wolken zu sehen. Oben an der Rosengartenhütte (2.339 m) sieht es auch nicht viel besser aus. Es scheint jedoch, daß doch etwas blauer Himmel durchkommen will. So entschließen wir uns, über den Santnerpaß-Klettersteig zum Gartl aufzusteigen.

Im Santnerpaß kommt hin und wieder kurz die Sonne durch. Doch im Gartl ist alles dicht. Die Santnerpaßhütte (2.734 m) sehen wir erst, als wir unmittelbar davorstehen. So steigen wir schnell zur Gartlhütte ab. Die Wolken werden immer dunkler, so daß es uns nicht lange in der Gartlhütte hält. Von den schönen Vajolettürmen ist nichts zu sehen, was wir sehr bedauern. Der Abstieg geht weiter zur Vajolet-Hütte. Wir erreichen sie gerade noch, bevor ein starkes Gewitter mit Hagel losbricht.

Gegen Abend ist das Gewitter vorbei und die Abendsonne kommt durch. Die Vajolettürme, der Kesselkogel und auch die Rosengartenspitze usw. sind frei von Wolken. Sie lassen uns auf schönes Wetter am anderen Tag hoffen.

Am nächsten Morgen begrüßt uns strahlendes Sonnenwetter. Ich kann mich an den in der Morgensonne liegenden Bergen gar nicht genug sattsehen. Aber wir wollen ja weiter. Der Abkürzungsweg zum Scalette-Paß ist abgestürzt und nicht begehbar. Wir müssen daher 300 m absteigen, um den Einstieg zum Beginn der Durchquerung der Larsech-Gruppe zu erreichen. Es ist ein schweißtreibendes Unternehmen in der vollen Sonne mit den großen Rucksäcken die steilen 500 m - Klettern, Drahtseile, Schotter. . - zum Scalette-Paß aufzusteigen. Schöne Ausblicke auf die umliegenden Berge entschädigen uns für die Mühen des Aufstiegs. Endlich sind wir oben. Eine ebene Karstfläche mit hin und wieder etwas Grün und einigen wilden Felskuppen liegt vor uns. Der weitere Aufstieg zum Lausapaß läßt uns doch die Rucksäcke spüren. Oben - 2.700 m - werden wir für die Anstrengungen des Aufstieges mit einem herrlichen Rundblick vom Kesselkogel bis zur Marmolada belohnt. Da wird erst einmal eine ausgiebige Rast eingelegt. Helmut und Johannes steigen noch zur Scalieret-Spitze auf. Gerti, Ingrid, Margrit und ich genießen die Ausblicke bzw. blinzeln in die Sonne.

Am späten Nachmittag kommen wir an der schönen und bestens geführten Antermoiahütte an. Der Wirt weist uns 6 Lager an. Dabei erzählt er mir, daß er nur noch zwei Plätze für die Nacht hätte. Nach Sonnenuntergang kommen dann noch 6 Bergwanderer. Nach einigem Hin und Her findet diese Gruppe Schlafplätze im Aufenthaltsraum!

Nach dem Abendessen treten wir vor die Hütte und können einen großartigen Sternenhimmel bewundern. In der Nacht heult der Sturm um die Hütte, aber am nächsten Morgen ist der Himmel tiefblau. Niemanden hält es daher lange in der Hütte.

Um 8.00 Uhr geht es wieder los. Kurze Zeit später stehen wir auf dem Donapaß - 2.616 m - und haben einen umfassenden Rundblick: Die ganz nahe erscheinenden schneebedeckten Zentralalpen, Seiser Alm, Langkofel, Geislergruppe, Sella, Marmolada usw. liegen in einem herrlichen Morgenlicht. Da fällt es schwer, einen solch herrlichen Aussichtspunkt zu verlassen. Auf einem etwas rutschigen Weg geht es steil bergab in das Durontal und dann wieder aufwärts zu dem Wiesenweg oberhalb der Seiser Alm. Die Seiser Alm liegt nun zum Greifen nahe unter uns. Schließlich kommen wir gegen Mittag zur Plattkofelhütte. Eine Pause ist wohlverdient.

Nachmittags geht es über den Friedrich-August-Weg zum Sellajoch. Im Sellajochhaus - CAI - habe ich für uns Nachtquartier bestellt. Welch eine Überraschung! Das CAI-Haus entpuppt sich als ein Berggasthaus mit elegantem Speisesaal, Ober in Weiß, abendlicher Menükarte usw. Das stört uns aber wenig, können wir doch wieder duschen und uns auch sonst erholen. Am Abend beraten wir, wie es am nächsten Tag weitergehen soll. Margrit will eine Wanderpause einlegen. Sie will mit dem Bus zum Pordoipaß fahren, um dann zur Boéhütte auf der Sella zu kommen. Wir anderen wollen über das Val Lastiés zur Boéhütte aufsteigen.

Boéhütte

Am anderen Morgen ist wieder ein strahlender Dolomitentag. Es bläst aber ein kalter Wind. Eine Taxe bringt uns zum Einstieg des Val Lastiès. Die großen Sellatürme liegen unmittelbar vor uns. Im Schatten und bei dem kalten Wind kommen wir schnell bergan. Gegen Mittag erreichen wir die Hochfläche der Sella: Kein Baum, kein Strauch, eine Mondlandschaft. Schön ist jedoch der Blick ins Val de Mesdi. Über Covara und der Kreuzkofelgruppe sind Groß Glockner und Groß Venediger klar auszumachen. An der Boéhütte werden wir schon von Margrit erwartet.

Am Nachmittag wollen wir zum Piz Boé aufsteigen. Der Hüttenwirt empfiehlt uns, einen neuen Weg zu nehmen, den er selbst angelegt hat. Dieser Aufstiegsweg erweist sich jedoch in einigen Passagen als sehr "luftige" Angelegenheit. Absolute Schwindelfreiheit ist angesagt. Dann stehen wir auf dem Piz Boé (3.152 m). Wir sind hier oben fast allein und können die großartige Rundsicht in aller Ruhe genießen. Johannes erklärt, daß diese Besteigung für ihn der Höhepunkt der Tour sei. Dem können wir nur beipflichten. Das besondere Ereignis wird mit einem ordentlichen Schluck "Roten" begossen. Der Abstieg zur Hütte auf dem "alten" Weg ist problemlos.

Boéhütte

Wir sehen am nächsten Morgen auf die Wolken in den Tälern. Die Wanderung über die sonnige Sellahochfläche ist sehr eindrucksvoll. Mit der Bergbahn geht es zum Pordoipaß. Danach beginnt die Wanderung auf dem Bindelweg zum Fedajastausee. Auf diesem schönen Wiesenweg sehen wir ständig auf die in der Sonne liegenden Eisfelder der Marmolada. Ein großartiger Anblick! Gegen Mittag kommen wir am Stausee an. Dort ist viel Betrieb. Ich überlege nun, wie wir baldmöglichst nach Alba kommen. Es stellt sich heraus, daß direkt am See eine Großtaxe auf Kunden wartet. Schnell sind wir uns mit dem Taxifahrer handelseinig und bald sind wir in Alba. Auf einer Wiese machen wir erst einmal eine große Mittagspause.
Der Aufstieg zum Contrinhaus führt uns an vielen schönen Blumen - Enzianen usw. - vorbei.

Am folgenden Tag brechen wir zur letzten Etappe auf. Zunächst steigen wir zum Passo Nicolo auf. Dabei können wir die senkrechten Südabstürze der Marmolada bewundern. Immer wieder können wir Murmeltiere sehen. Als wir Rast machen, läßt sich ein großer Schwarm Bergdohlen bei uns nieder. Die Bergdohlen bekommen jedoch nichts von uns, da die Vorräte fast erschöpft sind. Bald sind wir am Forcia Neigra (2.509 m). Ein Grasabstieg bringt uns in die Skiarena von Ciampac. Nach einer Pause heißt es wieder 300 m zur Sela Brunech bergan steigen. Zwischen Sonne und Wolken sehen wir noch einmal den Langkofel, die Sella usw. Schließlich erreichen wir am frühen Nachmittag nach einem nicht sehr schönen Abstieg über einen glatten Grashang die Bergstation der Kabinenbahn Buffaure. An der Talstation nutzen wir die Pause zu einem Cappuccino, bevor uns ein Taxi schnell in Richtung Karerpaß bringt. Der Taxifahrer bietet an, uns statt bis Welschnofen nur bis zum Karerpaß zu fahren, wenn auf dem Karerpaß ein Bus stehen sollte. Tatsächlich steht am Karerpaß ein Bus, der gerade nach Welschnofen abfahren will. Schnell steigen wir in den Bus. Dem Taxifahrer sind wir dankbar, daß er unsere Reisekasse geschont hat.

In Welschnofen führt uns der Weg fast direkt ins Cafe Panorama. Große Eisbecher mit Früchten und Sahne haben wir uns wohl verdient.

Am Sonnabend heißt es Abschied nehmen von den Dolomiten. Bevor wir in Bozen in den Zug steigen, machen wir noch schnell einen Bummel über den Obstmarkt und bewundern die vielen schönen Obststände. An Brenner fängt es an zu regnen!! Was hatten wir für ein Glück mit dem Wetter!

Dankbar sind wir, daß wir diese schöne Bergfahrt ohne Schrammen und ohne Probleme erleben konnten. Es war eine sehr harmonische Tour. Herzlichen Dank dafür an meine Mitwanderer.

Karlheinz Enke

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. November 1997