Sektion Braunschweig

Alpenvereinsjahrbuch 2017, eine Leseprobe:

Wer braucht schon „Premium“-Wege?

Geht doch!

Der Wanderboom täuscht darüber hinweg, dass wir weite Bereiche der Landschaft zu No-go-Areas gemacht haben – auch im Gebirge. Neue Premiumwanderwege sind darum nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems.

Es geht uns gut. Wir führen ein Premiumleben mit Premiumpils, Premiumferien und, na klar, Premiumautomobilen. Warum sollten wir also als Bergsteiger und -wanderer mit weniger als einer Premiumhütte oder einem Premiumweg zufrieden sein? Die Digitalisierung liefert der „Crowd“ die schnellen Rating-Tools zum Klicken, Liken und Sharen. Hütten bewertet man auf huettentest.de, Wege auf alpenvereinaktiv.com und anderen Portalen. Optimierten Wandergenuss mit Zertifikat verspricht darüber hinaus eine Marketingschöpfung aus den deutschen Mittelgebirgen: 2001 wurde mit dem Rothaarsteig im Sauerland der erste Premiumwanderweg zertifiziert, 2009 erhielten die ersten alpinen Premiumwege (bei Oberstaufen im Allgäu) das „Deutsche Wandersiegel“. Weitere Strecken gibt es heute bei Reit im Winkl und Fischbachau, und seit 2015 führt der erste Premium-Weitwanderweg durch die Alpen: der Salzalpensteig, vom Chiemsee bis zum Hallstätter See. Das Konzept stammt vom Deutschen Wanderinstitut in Marburg, das auf Basis einer Befragung von Wanderern in den deutschen Mittelgebirgen einen Katalog von 34 Qualitätskriterien entwickelt hat. Asphaltierte Abschnitte, verbaute Landschaften und öde Streckenabschnitte? Führen zur Abwertung oder zum Ausschluss. Breite Forststraßen durch öde Fichtenmonokulturen? Fallen durch. Bodenbeschaffenheit, Weganlage, Kurvigkeit, Aussichten, Markierungen: Alles wird erfasst, bewertet und quantifiziert, und am Ende entscheidet ein Zahlenwert über premium oder nicht premium. Die Zertifizierung kostet Geld und muss nach drei Jahren, wieder für Geld, erneuert werden.

Ist Premiumwandern die jüngste Evolutionsstufe des Zufußgehens? Das Deutsche Wanderinstitut hat einen Standard des guten Wanderns definiert und zu einem Geschäftsmodell, einer touristischen Marke veredelt. Der Premiumweg verspricht schönste Erlebnisse – und er liefert sie zuverlässig. Man weiß schon beim Start, dass es am Ende schön gewesen sein wird. Premiumwanderer sind zufriedene Wanderer. Die Zertifizierung hilft ihnen dabei, sich aus dem großen Angebot die Rosinen herauszupicken. Sie zeigt im Nebeneffekt, dass die meisten Wanderwege keine Premiumwege sind und dass auch in den Alpen sehr viele Strecken, vor allem in den talnahen Bereichen und Bergforsten, bei der Bewertung durchfielen.

Doch was machen Premiumwanderer eigentlich anders? Nicht viel. Sie legen, meist mit dem Auto, weite Strecken zurück, um in heilen Landschaftsnischen von Autos und allen Infrastrukturen, die sie im Alltag selbstverständlich in Anspruch nehmen, verschont zu bleiben. Premiumwanderer akzeptieren, dass sie die Freizeit zu Fuß am besten und bequemsten in den ausgewiesenen Fluchträumen konsumieren. Dieser Konformismus spiegelt das verbreitete Verständnis von Wohlstand und Wachstum wider: Beides sei nicht ohne den zunehmenden Verbrauch von Landschaft zu haben – wofür die immer aufwendigere Dokumentation, die Zertifizierung und Inszenierung der noch nicht verbrauchten Parzellen als Ausgleichsflächen entschädigen soll. Auf Komfort muss dabei niemand verzichten: Der 2009 zertifizierte Premiumweg „Langer Grat“ bei Oberstaufen im Allgäu beginnt bei der Bergstation der Hochgratbahn; er endet bei der Bergstation der Imbergbahn. Wobei Bergfreunde fast überall in den Alpen ganz selbstverständlich die hochgelegenen Wanderparkplätze ansteuern oder Seilbahnen und Wandertaxis verwenden, um zum Startpunkt zu kommen – dorthin, wo es richtig schön wird. Die Tour beginnt auf halber Höhe; was darunter ist, zählt nicht.

Die Ansprüche der ebenso launischen wie (algorithmisch) berechenbaren Bergsportler mit Premium-Account, mit smart kuratierter Ausrüstung und Tourenliste steigen weiter, auch ohne die Unterstützung des Deutschen Wanderinstituts. Und die Alpenvereinssektionen? Sitzen auf ihren teuren Hütten- und Wegebaustellen in der Zwickmühle. Erweitern sie die Komfortzonen, „weil die Leute das so wollen“, reduzieren sie die eigene Rolle auf die des Dienstleisters, der seinen Service schwitzend weiter optimiert. Sie füttern eine verwöhnte Kundschaft an, die jederzeit wiederhol- und nachvollziehbare Bestleistungen einfordert – oder ansonsten schnell und für alle gut einsehbar im Netz den Daumen senkt.

Gehen und Wandern sind heute zwei sehr unterschiedliche Sachen. Gewandert wird viel. Gegangen wird immer weniger. Bricht man heute von seiner Haustür zu einer längeren Wanderung auf, geht man oft durch eine Landschaft, aus der die Fußgänger verschwunden sind. Aber nicht nur in den Städten und Vorstädten, auch auf dem Land und in den alpinen Talsohlen sind weite Bereiche zu automobilen Transitzonen geworden, zu No-go-Areas. Wer nur noch auf „Premiumwegen“ zu Fuß unterwegs ist, zertifiziert oder nicht, verlernt das Gehen – und gibt den öffentlichen Raum auf. Wichtiger als neue Fünf-Sterne-Scheuklappen-Wanderrouten für die Freizeit ist eine Kultur des Gehens und Sehens im Alltag.

Wie so eine „Kultur des Gehens und Sehens im Alltag“ aussehen könnte, das beleuchtet Axel Klemmer unterhaltsam und erhellend in der Vollversion dieses Beitrags im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2017. Es ist ab Mitte Oktober bei Ihrer Sektion (bitte vorbestellen) oder unter dav-shop.de erhältlich.

Alpenvereinsjahrbuch BERG 2017
Herausgeber: Deutscher Alpenverein (DAV), Oesterreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS)
Redaktion: Anette Köhler, Tyrolia-Verlag Innsbruck
256 Seiten, ca. 250 farb. und 100 sw. Abb., 21 x 26 cm, gebunden
ISBN 978-3-7022-3548-2
€ 18,90 

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 2. November 2016